1. Was ist ein Wunsch und was ist ein Bedürfnis?

Ich glaube, dass es ein enormes Missverständnis gibt. Immer wieder begegnet mir in Gesprächen mit Eltern folgende Aussage: „Aber ich muss ja nicht alles erfüllen was mein Kind will, manches ist ja einfach nur ein Wunsch und kein Bedürfnis“ Und ja. Ja, ich verstehe das. Ich habe auch eine ganze zeitlang genau so gedacht. Aber schauen wir uns die Begrifflichkeiten einmal näher an. Was ist denn eigentlich überhaupt ein Wunsch und was ist ein Bedürfnis. Für die Definition eines Bedürfnisses lehne ich mich an Marshall Rosenberg an:

Nach Marshall Rosenberg1 sind Bedürfnisse die Antriebskraft hinter all unserem Tun. Sie bewegen uns dazu, zu unserem Wohlbefinden und dem anderer beizutragen.“ (https://www.niemblog.de/beduerfnisse-gewaltfreie-kommunikation/ )

Ein Bedürfnis ist also entsprechend etwas Grundlegendes. Bedürfnisse sind etwas, das alle Menschen gemein haben. Und es ist das grundsätzliche Verlangen einen empfundenen Mangel zu befriedigen bzw. ein tatsächliches Defizit zu beheben. Bedürfnisse lassen sich in psychische und physiologische Bedürfnisse unterteilen. Im Internet stehen hierzu unterschiedliche Bedürfnisliste zur Verfügung, um einen Eindruck darin zu bekommen, was Bedürfnisse sind. Dem Gegenüber wird oft gegensätzlich der Begriff des „Wunsches“ genutzt. Was ist ein Wunsch? Ein Wunsch ist ebenso wie ein konkret gezeigtes Verhalten der Versuch sich ein darunter liegendes Bedürfnis zu erfüllen. Ein ganz konkretes Beispiel:

Ein Mann kommt nach Hause setzt sich vor den Fernseher und schaut sich einen Film an.

Dieses gezeigte Verhalten ist eine Handlungsstrategie bzw. unter Umständen vorab auch noch ein Wunsch sich diesen Film anzusehen. Unter diesem gezeigten Verhalten können nun verschiedene Bedürfnisse liegen. Diese Bedürfnisse sind für uns von außen nicht zu erkennen und mitunter wissen wir auch selbst nicht genau, worum es uns eigentlich gerade wirklich geht. Bei uns können wir uns dem jedoch annähern, wogegen dies sich bei anderen Menschen immer um eine Vermutung handelt.

Um was für ein Bedürfnis könnte es sich also folglich bei diesem gezeigten Verhalten handeln? Es könnte sein, dass es diesem Mann gerade darum geht sich das Bedürfnis nach Anerkennung zu erfüllen. Vielleicht hatte er einen anstrengenden Arbeitstag hinter sich und will sich damit nun selbst belohnen. Ich schreibe hier nicht darüber, ob ich das für sinnvoll oder unsinnvoll halte sich selbst zu konditionieren, sondern möchte aufzeigen, um was für unterschiedliche Bedürfnisse es mit dem einen ganz bestimmten gezeigten Verhalten gehen könnte.

Es könnte sich auch um das Bedürfnis nach Zugehörigkeit handeln. Vielleicht haben die Freunde dieses Mannes diesen Film bereits gesehen und der Mann möchte gerne mitsprechen können, wenn ein Gespräch über dieses Thema geführt wird.

Oder es geht um das Bedürfnis nach Entspannung und Erholung. In dem er sich diesen Film ansieht, kann er sich von einem anstregenden Arbeitstag erholen.

Unter dem einen gezeigten Verhalten können also verschiedene Bedürfnisse liegen.

  1. Warum ich die Unterscheidung zwischen Wunsch und Bedürfnis im Umgang mit kleinen Menschen so herausfordernd finde?

Im Umgang mit kleinen Menschen wird wie oben bereits geschrieben, immer wieder darauf gepocht, dass das dritte Eis oder der zweite Film ja nun aber wirklich kein Bedürfnis mehr ist, sondern ein Wunsch ist und irgendwo aber irgendwann auch einfach mal Schluss ist. Das Spielzeugauto im Laden sei auch ein Wunsch und kein Bedürfnis und entsprechend leicht ist es dann hier ein Verbot auszuprechen.

Ich glaube zum einen, dass es genau das ist: Es macht es leicht. Im Umgang mit kleinen Menschen Nein zu sagen und sich nicht mehr ehrlich mit der Frage auseinandersetzen zu müssen, warum ich denn hier eigentlich Nein sage, worum es mir wirklich geht, ist bequem. Erleichtert das Gewissen. Aber irgendwo ist es auch trauig. Weil ich mich selbst nicht damit ernst nehme. Weil ich meine Macht, die ich über mein Kind habe gebrauche, mich aber nicht aufrichtig und ehrlich mit der Frage auseinander setze: Worum geht es mir denn? Warum sage ich hier nein? Habe ich Angst? Wenn ja, wovor habe ich Angst? Zum anderen verobjektiviert es mein Kind. Wenn mein Mann mich bittet, den Müll rauszubringen und ich will das gerade nicht tun, dann sage ich Nein. Aber ich frage mich nicht, ob der Müll gerade das Bedürfnis oder der Wunsch meines Mannes ist und wenn ICH dann entscheide, dass es sich hier gerade um einen Wunsch meines Mannes handelt, dann sage ich auf Grundlage Nein. Damit mache ich meinen Mann vom Subjekt zum Objekt. Und nimm ihn als Menschen überhaupt gar nicht ernst und wahr. Und wie würde es dir anderweitig ergehen, wenn dein Mann dich auf eben diese Art behandeln würde?

  1. Mit einem Verbot gegenüber deinem Kind nutzt du deine Macht und schränkst das Selbstbestimmungsrecht deines Kindes ein

Deine Macht zu nutzen, die du gegenüber deiem Kind hast ist nicht per se falsch. Aber meine Einladung an dich lautet: WENN du sie nutzt, dann frage dich aufrichtig und ehrlich, warum du das tust. Frage dich, was für gute Gründe du hast das Selbstbestimmungsrecht deines Kindes einzuschränken und sei dir selbst gegenüber ehrlich. Und mache dir auch klar: Das Selbstbestimmungsrecht eines Menschen einzuschränken ist im zwischenmenschlichen Bereich unter Erwachsenen einzig und allein nur dann zulässig, wenn es um den Wert „Schutz“ geht. Selbstschutz ebenso wie Schutz vor Dritten. Und ich glaube, dass gerade im Umgang mit kleinen Menschen sehr schnell damit argumentiert wird, dass hier ja entsprechend Verbote ausgesprochen werden müssen, weil es hier um den Schutz des kleinen Menschen geht. Oder aber eben die oben erwähnte Argumentation: Es handelt sich hier um einen Wunsch und nicht um ein Bedürfnis, also kann ich problemlos Nein sagen. Beide macht es je nach Sachverhalt eben sehr einfach. Nimmt aber dein Kind als Menschen, in seiner Integrität nicht wahr und ernst. Dementsprechend halte ich die Unterscheidung zwischen Wunsch und Bedürfnis per se als äußerst schwierig im Umgang mit kleinen Menschen. ABER:

  1. Warum erachte ich es dennoch als wichtig grundsätzlich zwischen einem Wunsch und einem Bedürfnis im Umgang mit kleinen Menschen zu unterscheiden:

Dann wenn mein Kind einen Wunsch hat und ich ein Problem mit diesem Wunsch habe, kann ich mich fragen, um welches darunterliegende Bedürfnis es denn eigentlich wirklich gehen könnte. Und dann kann ich mit dieser Vermutung um welches Bedürfnis es sich handeln könnte, in der Lage unzählige Lösungen zu finden, die darauf abzielen, dass das Bedürfnis meines Kindes auf andere Art und Weise dennoch erfüllt wird. Und hier Lösungen und Alternativen anbieten. Gleichzeitig bist aber du herausgefordert dich zu fragen, worum es dir denn eigentlich wirklich geht, wenn du die entsprechend gewählte Strategie deines Kindes zur Befriedigung seines Bedürfnisses ablehnst. Eben weil es einen Eingriff in die Integrität kleiner Menschen darstellt in ihr Selbstbestimmungsrecht einzugreifen und ich mit meiner Haltung hierfür eben entsprechend moralisch vertretbare Gründe brauche.

Ich lade dich an dieser Stelle gerne ein, Kommentare zu hinterlassen oder auch deine Fragen zum Blogartikel unten drunter zu posten.

Deine Verena

Written by Verena

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