1. Friedvolle Elternschaft bedeutet nicht, dass ich einfach netter zu meinen Kindern bin.

Im Kontext friedvoller Elternschaft begegnet mir immer wieder die Annahme, ja, ich bin ja echt gemein zu meinen Kindern, ich schimpfe schon mal, mitunter werde ich laut, das möchte ich gern überwinden. Ansonsten ist alles ok.

Versteh mich nicht falsch – ich freue mich darüber, dass du diesbezüglich dein inneres Pieksen nicht mehr ignorierst, sondern daran wirklich etwas ändern möchtest. Ich glaube, dass das ein wirklich wichtiger Schritt ist.

Gleichzeitig glaube ich, dass friedvolle Elternschaft so unendlich viel mehr ist. Es geht nicht nur darum einfach ein bisschen netter zu den eigenen Kindern zu sein. Friedvoller Elternschaft ist in ihrer Konsequenz tiefgreifende Änderung deines gesamten Seins. Es ist Transformation, Heilung und Haltung.

Wenn ich das so schreibe, dann gehe ich von verschiedenen Grundannahmen aus, die für mich „friedvolle Elternschaft“ beinhaltet. Was gehört hier für mich dazu?

2. Ich hinterfrage meine Haltung gegenüber kleinen Menschen per se

Und wie stehe ich zum Menschen an sich?
Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch tagtäglich sein AllerallerallerBestes gibt. In jeglicher Hinsicht. Und das dieses Allerbeste aber eben auch Mist sein darf. Ein Mensch, der tiefen Schmerz erlitten hat durch Erziehung, braucht vielleicht sein Leben lang, um sich dem, was ihm widerfahren ist zuzuwenden. Vielleicht heilt er es nie und gibt seine Traumata ungefiltert in Erziehung weiter. Auch dann gehe ich davon aus, dass er sein Allerbestes gibt. Ich glaube, dass dann die Auseinandersetzung mit den erlittenen Traumata zu krass, zu schmerzhaft wäre, um diesen Gefühlen Raum und Platz zur Heilung zu geben. Ich sage nicht, dass das richtig ist.

Aber ich gehe mit meinem Bild von Mensch davon aus, dass dies das Beste ist, was geschehen kann. Es ist radikale Annahme von dem, was ist. Und das gilt für mich auch für kleine Menschen. Ein Kind, das ein anderes haut, tut das Allerbeste, was es gerade kann. Das heißt nicht, dass ich das geil finden muss. Ich muss es nicht gut heißen, nein. Aber ich bin aufgefordert meinem Kind vollkommen zu Vertrauen und mit diesem Vertrauen davon auszugehen, dass mein Kind anders handeln würde, wenn es könnte. Sprich, ich höre es auf, ein Ziel für mein Kind zu haben. Ich höre auf mein Kind unter allen Umständen dazu bringen wollen, dieses Verhalten zu unterlassen und sehe statt dessen, den Menschen hinter diesem Verhalten. Ich frage mich, warum gerade geschieht, was geschieht und verbinde mich mit dem darunter liegenden Bedürfnis. Auf diese Weise gelingt es mir mein Kind in seiner Not zu sehen, es in meine Arme zu schließen und ihm das zu geben, was es gerade so so dringend braucht.

 

3. Ich höre auf kleine Menschen zu erziehen

In diesen Kontext fällt auch, dass ich zutiefst davon ausgehe, dass der Mensch ein durch und durch soziales Wesen ist. Menschen wollen kooperieren, von Natur aus. Ich höre auf damit, mein Kind mit allen möglichen fiesen und gemeinen Methoden dazu zu bringen, sich sozial zu verhalten, wobei ich definiere, was ich unter sozial verstehe und es letztlich darum geht, dass das Kind tun soll, was ich will. Das ist nichts anderes als Gehorsam. Ich muss mein Kind nicht dazu erziehen, seine Sachen zu teilen, hilfsbereit zu sein, respektvoll zu werden, höflich zu sein und dergleichen mehr.

Nein.

Mein Kind will all das sein. Mein Kind will sich aufgrund seiner Natur als Mensch mit anderen zusammen kooperieren. Friedvolle Elternschaft ist eine Einladung damit aufzuhören, Kinder zu etwas machen zu wollen und statt dessen in ihrer Begleitung dafür zu sorgen, dass sie ihre Integrität umfassend schützen können. Ersteres geschieht im Übrigen in aller Regel unbewusst. Beobachte dich mal im Alltag. Jedes Mal wenn du etwas tust, um ein „damit“ umsetzen, hast du ein Ziel für dein Kind, reagierst auf die Vorstellung darüber wie dein Kind sein sollte. Du bist nicht im Hier und Jetzt, siehst dein Kind nicht wie es wirklich ist und worum es ihm geht. Das Kind wird zum formbaren Objekt.

 

4. Ich lasse kleinen Menschen ihr Selbstbestimmungsrecht

Schließlich bedeutet friedvolle Elternschaft, dass ich gewillt bin, kleinen Menschen ihr Recht auf Selbstbestimmung wieder zu geben. Ich bin mir in diesem Kontext um die Macht in Eltern-Kind-Beziehungen bewusst und negiere die nicht. Mit diesem Bewusstsein frage ich mich sehr genau, wann ich meine Macht nutzen möchte und wann nicht mehr und lehne Machtmissbrauch ab. Was bedeutet das konkret?

Ich frage mich nicht mehr, was ich meinem Kind verbiete und was ich ihm erlaube. Wenn mein Kind etwas tun will, frage ich mich, ob ich gute Gründe habe, die für mich dagegen sprechen. Dabei bin ich sehr ehrlich gegenüber mir selbst. Wie sehen meine wirklich guten Gründe aus? Worum geht es mir wirklich? Wenn ich mir darüber im Klaren bin, dann kann ich auf dieser Grundlage Lösungsideen schaffen, wie mein Part Berücksichtigung findet, und das Bedürfnis meines Kindes, das unter seinem Wunsch steckt, dennoch erfüllt werden kann. Dieses Umdenken braucht etwas Zeit, mitunter auch Begleitung und verhilft dir aber wirklich in die Verantwortung für die Bedürfniserfüllung deines Kindes zu kommen. Und somit schließlich auch ein wundervolles Fundament für tiefe friedvolle Beziehungen zu schaffen.

 

5. Ich fange an Gewalt anders zu denken

Letztlich gehört für mich in den Kontext friedvoller Elternschaft auch, Gewalt anders zu denken.

Wir verstehen unter Gewalt oftmals einen Verhaltenskodex. Gewisse Handlungen zählen wir unter diesen Begriff und lehnen Gewalt per se als moralisch falsch ab. Das finde ich im Kontext friedvoller Elternschaft nicht hilfreich. Und zwar deshalb nicht, weil wir wenn wir anfangen, Gewalt an diesen bestimmten Verhaltensweisen zu messen, die Gefühle und Bewertungen dessen, der in Beziehung mit mir stand nicht ausreichend berücksichtigt werden. Gewalt findet im Kontext von Beziehung statt. Und hier tun wir uns leichter damit, wenn wir sie als Richtung, in die wir unseren inneren Kompass eben nicht ausrichten wollen, verstehen.

Gewalt in diesem Kontext verstanden könnte definiert werden als „all das, das nicht Beziehungsförderlich ist“, „all das, was Angst verstärkt, anstatt Vertrauen zu fördern“. Das liest sich jetzt etwas kompliziert. Aber ist meiner Meinung nach ein wesentliches Merkmal friedvoller Elternschaft. So gehört hier beispielsweise Floskeln dazu wie „Ich hab’s ja nur gut gemeint“. Es ist ganz egal, wie ich es gemeint habe. Mein Gegenüber hat die Art und Weise, wie ich mich verhalten habe, verletzt. Und diese Gefühle gilt es anzuerkennen. Hierzu gehört auch „Stell dich nicht so an“. Auch hier wird versucht manipulativ auf die Gefühle eines anderen Menschen einzuwirken und die Verletzung eben nicht anerkannt.

Und genau das ist gerade in Eltern-Kind-Beziehungen unglaublich problematisch und ja – gewaltvoll. Das Kind hat gar keine andere Chance als seine Sichtweise letztlich aufzugeben und das für wahr zu halten, was seine primären Bindungspersonen ihm mit auf den Weg geben. Kinder fangen an, vollkommen an sich selbst zu zweifeln, es hat direkte Auswirkungen auf ihr Selbstbewusstsein. Ich glaube also, dass Gewalt seitens des Opfers definiert wird und Verantwortung grundsätzlich mit gedacht wird. So verhält sich dieser Aspekt auf der Ebene zwischen zwei Erwachsenen noch einmal anders, da in dieser Beziehung jeder seinen Teil für den er selbst verantwortlich ist, mit in die Beziehung bringt. In Eltern-Kind-Beziehungen gehe ich im Kontext friedvoller Elternschaft davon aus, dass ich für die Beziehungsqualität zu meinem Kind vollumfänglich verantwortlich bin.

 

6. Friedvolle Elternschaft ist Transformation und Heilung meiner selbst.

All die bis hierhin aufgezeigten Punkte setzen eines voraus: Tiefes Vertrauen in den Menschen und damit in mich selbst und meine Lieblingsmenschen. Das ist allerdings unglaublich schwer. Und zwar deshalb, weil wir alle erzogen worden sind, weil wir alle tiefe psychische Verletzungen erlebt haben und unsere Integrität, unsere Würde nicht geschützt wurde. Verhaltensänderung – und insbesondere eine so tiefgreifende – lässt sich nicht von heute auf morgen bewirken. Das ist ein Prozess und vermutlich ein lebenslanger. Wir werden unsere Fehler machen und das ist auch vollkommen okay. Es geht hier nicht um Perfektionismus, es geht nicht um einen Idealtypus von Mensch, dem wir versuchen nachzueifern und nie erreichen werden. Nein.

Es geht darum, dass wir anfangen unsere eigenen Verletzungen zu heilen, dass wir beginnen Verantwortung für kleine Menschen zu übernehmen und, dass wir anfangen uns auf den Weg zu machen, Erziehung zu überwinden.

Wenn du dir genau hierbei Begleitung wünschst, möchte ich dich von Herzen einladen, dich von mir begleiten zu lassen. Vereinbare heute noch mit mir dein unverbindliches Kennlerngespräch und fühl da rein, ob sich dieser Weg auch für dich stimmig anfühlt und ich ein Stück auf deinem Weg Richtung friedvolle Elternschaft begleiten soll. Ich freue mich von Herzen auf dich.

Written by Verena

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