1. Über Selbstbestimmung und Menschenrechte

Das Recht auf Selbstbestimmung ist zentraler Kerngedanke in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. An anderer Stelle habe ich dazu vertiefend geschrieben (lies hier mehr)

Meiner Meinung nach kommen wir an den Punkt an dem wir uns irgendwann fragen müssen, ob es ethisch und moralisch vertretbar ist, wie wir mit Kindern umgehen – vorausgesetzt wir nehmen sie als kleine Menschen wahr. Können wir dann vertreten, Kinder in Bezug auf Medien, Süßigkeiten und andere Dinge zu regulieren? Übernehmen wir Verantwortung, wenn wir uns für Regulation entscheiden, also für Machtgebrauch, der sich IMMER auf die Beziehung zu unseren Kindern auswirkt und Narben hinterlassen wird und stehen dafür ein? In diesem Artikel mag ich gern auf digitale Medien eingehen und warum ich persönlich es für gefährlich halte, sie zu regulieren.

2. Macht in Eltern-Kind-Beziehungen

In Eltern-Kind-Beziehungen liegt die gesamte Macht bei den großen Menschen (lies dazu auch hier). Wir sollten uns unserer Macht sehr bewusst werden und diese nicht negieren. Ich halte das für unglaublich wichtig, damit wir uns unserer Verantwortung bewusst werden. Unsere Kinder sind existentiell von uns abhängig. Sie müssen uns glauben, was und wie wir über sie denken. Sie haben keine Wahl. Kinder sind nicht frei. Und diese Vorstellung, das Kinder genau das wären, finde ich äußerst bedenklich. Das hat nichts mit der Realität zu tun. Fakt ist, dass unsere Kinder eine lange Zeit vollkommen davon abhängig sind, dass wir sie versorgen, dass sie abhängig davon sind, von uns das zu bekommen, was sie brauchen. Zuwendung, Wärme, Geborgenheit, Essen, Kleidung, all das.

Regulation – welcher Art auch immer – stellt nun einen Machtgebrauch unsererseits dar. Ich sage nicht, dass das nicht durchaus seine guten Gründe hat und, dass wenn du dich dafür entschieden hast, deine Macht zu gebrauchen und dafür Verantwortung übernimmst, das in Ordnung ist. Gleichzeitig plädiere ich allerdings, uns unserer selbst bewusst zu werden, uns zu verdeutlichen, wie es um Macht, Verantwortung, all das in Eltern-Kind-Beziehungen steht und dann sehr bewusst zu agieren.

Und nein – Verantwortung bedeutet für mich hier in diesem Fall nicht, dass ich als großer Mensch entscheide und mir raus nehme zu wissen, was einem kleinen Menschen gut tut und was für ihn richtig ist. Mein Kind ist nicht Ich. Und meine Wahrheit muss nicht die Wahrheit meines Kindes sein. Verantwortung bedeutet für mich, dass ich verantwortungsBEWUSST mit meiner Macht umgehe, dass ich mir bewusst bin, dass mein Kind mich braucht und ich es begleite, dass ich mein Kind nicht mit seinem Recht auf Selbstbestimmung alleine lasse.

Und letzteres bedeutet wiederum nicht, dass ICH entscheide, was mein Kind zu lassen und zu tun hat. Es geht nicht mehr um ein erlauben und ein verbieten (lies hier wie ich Elternschaft jenseits von erlauben und verbieten denke). Es geht darum mit meinem Kind in Verbindung zu kommen, darum zu schauen, was dahinter steckt, wenn mein Kind ein bestimmtes Verhalten zeigt. Meiner Meinung nach geht es um wesentliches wie Einfühlung, Verständnis, aufeinander bezogen sein, um das Erkennen eines Menschen hinter einem bestimmten Verhalten.

Und tatsächlich schwindet unserer Macht über unsere Kinder mit zunehmendem Alter. Tatsächlich vorausgesetzt es gelingt kleinen Menschen irgendwann sich aus der emotionalen Verbundenheit und dem Machtgefälle mit ihren Eltern zu lösen, zu wachsen und sich zu entwickeln. Dann beginnen oft schon Jugendliche gegen ihre Eltern zu rebellieren, sich eben nicht mehr an Verbote, Regeln und all das zu halten. Und das deshalb, weil sie endlich endlich diese Unterdrückung aufgeben wollen, weil sie ihre eigene Integrität wieder erlangen wollen, bzw. es entwickeln sich Symptome aufgrund jahrelanger Erlebnisse psychischer Gewalt oder aber Dinge werden nun bewusst exzessiv konsumiert, einfach weil Menschen nie die Erfahrung machen durften, dass sie selbst wissen, was ihnen gut tut und was nicht.

So saß neulich eine Kollegin mir gegenüber und klagte, dass ihre Tochter, die nun in der 5. Klasse sei und bis dato stark reguliert wurde in Bezug auf Medien nun ständig außer Haus sein, weil sie bei Freunden unreguliert Medien konsumieren dürfe. Sie zeigte sich verzweifelt, hinsichtlich ihrer schwindenden Macht über ihre Tochter, auch wenn sie das nicht konkret beim Namen nennen konnte.

 

3. Glaubenssätze und Vorstellungen rund um digitale Medien

Ich glaube, dass diese Regulation, diese Dämonisierung von Medien typisch deutsch ist. In anderen europäischen Ländern ist das nicht der Fall. Und nun stellt sich für jeden Einzelnen natürlich die Frage, was er glauben will rund um dieses Thema und was nicht. Wenn ich Spitzer und co Glauben schenke, dann komme ich womöglich zu dem Schluss, dass ich mich dafür entscheide, dass es schützende Gewalt ist, wenn ich meine Kinder in Bezug auf digitale Medien reguliere.

Gut.

Ich finde, dass ich dann für diese Entscheidung Verantwortung zu tragen habe und sage, liebes Kind, ich habe hier ein Problem. Ich glaube daran, dass digitale Medien schädlich sind und deshalb, will ich nicht, dass du fernsiehst. Dann lebe ich AUCH damit und trage die Verantwortung dafür, dass diese Entscheidung Narben in der Beziehung zu meinem Kind hinterlassen wird. Das ist okay. Und das meine ich gerade ernst. Wir alle tun unser allerallerallerbestes, tagtäglich. Und wenn das gerade das Beste ist, was du kannst, dann tu das. Schau dir deine Ängste an, geh mit ihnen in Widerstand, und entscheide neu, wenn es sich nicht mehr stimmig und entsprechend mit deinen Werten nicht mehr vereinbaren lässt. Das ist okay. Wirklich. Das meine ich ernst.

Und gleichzeitig sei dir deiner Macht über dein Kind bewusst und darüber, dass das eine Einschränkung seines Selbstbestimmungsrechts bedeutet.

 

4. Exkurs in meine eigene Geschichte mit digitalen Medien

Ich möchte euch heute gerne einladen. Zu einem Exkurs mit dem Umgang digitaler Medien in meiner Kindheit. Nicht so sehr in früher Kindheit, aber dann im Jugendalter habe ich digitale Medien begonnen sehr ausgiebig zu nutzen. Ich weiß noch wie es zunächst keine Selbstverständlichkeit war, später aber zu einer wurde, dass wir zu Hause Internet hatten. Ja tatsächlich. Meine Jugendzeit verbrachte ich mehr vor dem PC als zu irgendwelchen Parties zu gehen. Ich wollte mich nicht besaufen, habe in der Schule Mobbing erlebt, all das.

Meinen eigenen Freundeskreis habe ich mir also via Internet aufgebaut. Ich begann irgendwann diese Freunde auch im Reallife zu treffen, regelmäßig, oft in den Ferien, weil in Deutschland ja Schulpflicht herrscht. Mir taten diese Menschen ungemein gut.

Ich habe mich damals im Jugendalter selbst verletzt, aufgrund von Mobbing in der Schule, insgesamt dachte ich, es ist egal, ob ich in der Schule oder zu Hause bin, ich bin sowieso nicht okay wie ich bin. Ja. Das macht etwas mit einem Menschen. Das lässt ihn nicht völlig kalt. Heute sehe ich vieles aus einer anderen erwachsenen Perspektive, heute werte ich vieles anders, damals konnte ich das entwicklungsbedingt nicht.

Ich hatte also Freunde im Internet, die mich regelmäßig aufrichteten, die mich virtuell dabei begleiteten, mich in Therapie zu begeben. Ich suchte den Austausch übers Internet, ich philosphierte, spielte, unterhielt mich, all das virtuell, manchmal bis spät in die Nacht. Irgendwann lernte ich meinen heutigen Mann kennen – digital, übers Internet. Im Erwachsenenalter profitierte ich dann weiterhin massiv von digitalen Medien, heute arbeite ich damit. Aber das ist vernachlässigbar, denn ab einem gewissen Alter, werden digitale Medien nicht mehr verurteilt und abgewertet, bei erwachsenen Menschen tut genau das oft keiner mehr.

Was Menschen aber bis dato verinnerlicht haben ist, dass digitale Medien böse sind, dass sie reguliert werden müssen und das sie sich selbst beginnen abzuwerten, wenn sie diese nutzen. Und was genau dabei auf der Strecke bleibt ist ein verantwortungsvoller bewusster Umgang mit digitalen Medien. Ich hab mir irgendwann in einer Nacht in der ich da am PC saß gewünscht, dass mein Vater kommen würde, den PC ausschalten würde und mich ins Bett schicken würde, weil ich bis dato gelernt hatte, dass Regulation Liebe ist und ich genau das damit verband. Ich wertete dieses Verhalten meines Vaters also als Desinteresse an mir.

Heute glaube ich, dass ich – wenn es mein Vater denn hätte leisten können (konnte er nicht, das weiß ich heute!), ich mir statt dieser Art der Regulation ehrliches Interesse, Neugierde und Offenheit, Wertschätzung, Geborgenheit und Begeisterung an mir, an meiner selbst, an meinem Verhalten gezeigt hätte. WARUM nutze ich den das Internet, was fasziniert mich daran, welche Bedürfnisse erfülle ich mir damit, WARUM geht es mir eben auch nicht gut, und WARUM nutze ich genau deshalb exzessiv digitale Medien.

Sprich – nein, aus heutiger Sicht: Ich hätte mir keine Regulation gewünscht, wenn ich dafür mehr bekommen hätte können. Liebe, Verständnis, Begleitung, Verbindung. Und genau deshalb wünsche ich tatsächlich kleinen Menschen heute, dass ihnen Dinge für die sie sich begeistern, faszinieren und von denen sie lernen möchten, nicht weg genommen werden, sondern sie darin begleitet werden, da jemand an ihrer Seite ist, der sich für sie und ihre Hobbys interessiert, der ihnen mit Offenheit und Neugierde entgegen tritt und ihnen aufrichtig zuhört.

 

5. Über den Umgang mit digitalen Medien und meinen Kindern

Nun – wie ihr oben aus dem Geschriebenen nun entnehmen könnt – ich reguliere meine Kinder in Bezug auf digitale Medien nicht. Nicht mehr. Ich habe es eine Weile getan. Ja. Und ich habe mich mit meinen Ängsten auseinander gesetzt, sie mir angesehen, bin immer wieder gestrauchelt, habe immer wieder den Fernseher ausgemacht und bin weiter gegangen, Stück für Stück. Bis wir eben an dem Punkt sind, an dem wir heute stehen. Heute regulieren wir gar nicht mehr. Wenn meine Kinder müde sind, aber noch schauen möchten, können sie das tun. Ich spreche aber mit ihnen, finde mit ihnen Vereinbarungen, denen sie zustimmen wollen, wann wir das Tablet ausmachen. Wir kommen in Verbindung miteinander, reden über die Filme, über ihre Filmhelden, wir tauschen uns aus. Meine jüngere Tochter begeistert sich für AppSpiele. Meine größere Tochter schaut lieber ihre Serien. Und beides ist genau so in Ordnung, wie es ist. Beides IST lediglich.

Es ist für mich kein Tabuthema mehr. Viele Ängste hinsichtlich gesellschaftlicher Abwertung habe ich nieder gelegt. Ich weiß, dass es Erziehung ist, die das aus uns macht. Viele Glaubenssätze und Vorstellungen rund um das Thema digitale Medien glaube ich nicht mehr. Aber ich glaube an das Selbstbestimmungsrecht des Menschens. Und daran, dass ich meine Macht nicht dafür gebrauchen will, meine Kinder in Bezug auf diese Dinge regulieren zu wollen. Ich habe für mich entschieden, dass es mir das nicht wert ist, schützende Gewalt anzuwenden. Im Gegenteil – ich halte die in Regulation digitaler Medien deshalb für gefährlich. Und zwar deshalb, weil es erheblich in die Integrität unserer Kinder eingreift und wir aktiv immer und immer wieder das Selbstbestimmungsrecht unserer Kinder beschneiden. Ich will und kann das für mich und die Beziehung zu meinen Kindern nicht mehr verantworten.

Du stehst an dem Punkt, am dem du dich entscheidest, Medien nicht mehr regulieren zu wollen. Du willst begleitet werden auf deinem Weg von einem regulierten Medienkonsum zur einer selbstbestimmten Nutzung von Medien seitens deiner Kinder? Hierbei willst du nicht in Verantwortungsabgabe geraten, dich mit deinen Ängsten, deinen Sorgen und Bedenken auseinander setzen? Dann vereinbare ein unverbindliches Gespräch mit mir. Ich habe mich mit all diesen Themen lange auseinander gesetzt. Dabei habe ich einen Weg für mich damit gefunden. In unserer Familie ist rund um das Thema digitale Medien vollkommene Entspannung eingetreten. Und hiervon kannst du, wenn du das willst, profitieren. Ich freue mich auf dich.

Written by Verena

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