1. Wie Schuldgefühle unser Leben beeinträchtigen

Die Schuld und ich. Wir haben tatsächlich eine längere gemeinsame Geschichte. Ich befand mich zweimal wegen zwanghaften Schuldgefühlen in Psychotherapie. Mich haben diese Schuldgefühle nieder gedrückt, zutiefst belastet. Es gab Tage, da wollte ich nicht mal mehr aufstehen, weil ich zugelassen habe, dass mich die Schuldgefühle so beeinträchtigt haben.

Ich hatte vor längerer Zeit Wüstenrennmäuse. Manch einer von euch mag sie kennen. Sie sind kleine, wuselige Tierchen, die so ziemlich alles anknabbern, was ihnen in die Quere kommt. Der Rat lautet daher, man möge diese Tieren bloß kein Plastik ins Gehege legen. Nun. Ich habe ihnen eine Knabberstange ins Gehege gelegt, die man mit einem Stück Plastik befestigen konnte. Einen Tag später ist eine von ihnen verstorben. Und damit begann für mich dieser Albtraum. Ich kam nicht mehr in Verbindung mit mir selbst, führte Krieg gegen mich selbst. Machte mir selbst Vorwürfe ala wie kannst du nur? WARUM HAST DU DAS GETAN?

Es hat Monate gedauert, bis ich da raus kam, viele Stunden Psychotherapie, da war kein, okay, ich weiß nicht mal, woran sie gestorben ist, da war kein Selbstliebe, keine Selbstannahme, kein Schutz für das innere verletzte Kind. Da war lediglich ein abweisender Erwachsener, der kopfschüttelnd da stand und lediglich tiefste Verachtung übrig hatte.

Warum ich das hier schreibe? Weil ich glaube, dass das Gedankenkarussell vielen nicht fremd ist, es mag den ein oder anderen nicht so lähmen, wie es mich damals gelähmt hat, aber doch… ich glaube, dass Schuld, den Druck von Schuld und die Belastung, die damit einher geht, so vielen Mamas und Papas nicht fremd ist. Und weil ich weiß, dass es einen Weg da raus gibt. Weil ich weiß, dass es die Möglichkeit gibt zu wachsen und erneut in die Verbindung mit sich selbst, die Selbstliebe und Selbstannahme zu kommen. Ohne Hass, Verurteilung und Schuld. Und weil ich glaube, dass das in der Mutter-Kind-Beziehung so unglaublich wichtig ist.

 

2. Auswirkungen von Schuldgefühlen auf die Mutter-Kind-Beziehung

Ich schreibe das jetzt nicht, weil ich die Schuldgefühle schärfen will. Nein. Aber ich möchte dafür sensibilsieren, warum es so wichtig ist, dass wir uns mit dem Thema Schuld auseinander setzen, das für uns aufarbeiten und genau da unserem inneren Kind begegnen.

Ich kenne Situationen, da hab ich meine Tochter angeschrien, da wurde ich grob.

Eine Situation mag ich euch erzählen.

Meine kleine Babytochter war neben mir eingeschlafen. Sie war zum damaligen Zeitpunkt vielleicht 4 (?) Monate alt. Meine ältere Tocher rief nach mir. Ich wollte nicht aufstehen, weil ich wusste, dass die Babytochter sofort wach sein würde, wenn ich aufstehe. Meine ältere Tochter rief weiter nach mir. Ich wurde grummelig. Konnte die nicht einmal Rücksicht nehmen? Ich war müde, die Kleine schlief, und die Große schaute gerade Paw Patrol, war doch alles bestens… MUSSTE das JETZT sein? Die Große rief weiter. Ich stand wütend auf, die Kleine schrie sofort. Ich nahm sie auf den Arm und ging zur Großen. Sagte ihr bereits, dass das doch jetzt gerade echt großer Mist sei, dass sie doch mal Rücksicht nehmen konnte. Und überhaupt…

Da saß sie da, hatte massives Nasenbluten. Und ich stoppte sofort. Ehrlich, auch ohne das wäre ich für sie verantwortlich gewesen. Sofort schossen Gedanken in mir hoch ala…

Wie kannst du nur?
Geht’s eigentlich noch?
Was bist DU für eine Mutter?
Deine Tochter hat Nasenbluten und du denkst an Ruhe, Ausgeglichenheit, Entspannung?
Deine arme Tochter…
Wie steht’s um deine Impulskontrolle, deine Liebe zu deiner Tochter und der Respekt vor deiner Tochter?

Wut und Empörung wandeln sich in Schuldgefühle. Sie machen sich in mir breit, nagen an mir. Wie kann ich nur dieses Kind anschreien, dass da mit blutender Nase vor mir sitzt und auf meine Hilfe angewiesen ist? Ich sage meiner Tochter, dass es mir leid tut, ich versorge sie und auch als die Nase längst aufgehört hat zu bluten, sitzen die Schuldgefühle tief. Ich versuche wieder und wieder mit ihr ins Gespräch zu kommen, ihr zu sagen, wie leid es mir tut. Worte, die sie zu dem Zeitpunkt schon gar nicht mehr hören will. Sie ist längt weiter gegangen.

Diese – meine Schuldgefühle – verhindern, dass ich meiner Tochter den Raum geben kann, den sie braucht um über ihre eigenen Gefühle zu sprechen, über Traurigkeit, Verzweiflung, Angst, die sie vielleicht spürt, wenn ich so zu ihr bin. Ich kann nicht für sie sorgen, Druck auf ihr wächst, weil ich mit meinen eigenen Schuldgefühlen beschäftigt bin und irgendwo tiefst im inneren vielleicht doch hoffe, dass sie mir mitteilt, dass es okay ist und sie mir verzeiht. Nur – das ist nicht ihre Aufgabe. Ich bin in der Verantwortung für sie zu sorgen, nie umgekehrt.

Und schließlich: In dem Moment, in dem ich mit Selbstanklagen beschäftigt bin, komme ich auch nicht in die Verbindung mit mir selbst. Ich betreibe mich nicht mit Selbstfürsorge dafür, dass eben beide Kinder und ja auch mein eigenes inneres Kind in dem Moment so viel Aufmerksamkeit und Fürsorge für mich brauchen. Und da schnell Gedanken aufkommen wie, du musst es jedem Recht machen, du bist du für alle verantwortlich, sieh zu, sonst bist du echt eine schlechte Mama.

Ne. Es ist okay.

Ich darf darüber trauern, dass es ein Moment ist, den ich gerne damit zugebracht hätte, ein wenig Kraft und Energie zu gewinnen, der so aprubt endete. Ich darf mein inneres verletztes Kind mit offenen Armen empfangen. Auch und gerade dann, wenn mein hiesiges Kind mit blutender Nase auf dem Sofa liegt. Genau das lässt mich handlungsfähig werden.

Schuldgefühle indes helfen weder mir noch meinem Kind. Und zwar sowas von überhaupt nicht. Sie verhindern jegliche Verbindung und versperren uns den Blick darauf, dass in diesem Moment unerfüllte Bedürfnisse auf allen Seiten vorherrschten. Ich glaube, dass Schuldgefühle jegliche Verbindung zu uns selbst kappen. Und erst wenn wir mit uns selbst in Verbindung sind, wird es uns gelingen auch tatsächlich, tiefgreifend in die Verbindung mit unseren Kindern zu gelangen. Sie haben also tatsächlich tiefgreifende Auswirkungen auf die Mutter-Kind-Bindung.

Wir können an uns arbeiten, um Situationen entspannter angehen zu können. Ja. Und ich möchte auch jeder Mama ans Herz legen, hier in sich zu investieren. Der Schritt schlechtin um aus Schuldgefühlen heraus wachsen zu können und in Selbstfürsorge, Selbstannahme und tiefe Verbindungen mit uns selbst und unseren Kindern zu gelangen.

Ich habe erst wieder in die Leichtigkeit, Annahme von mir selbst und Selbstfürsorge gelangen können, in dem ich wie oben schon geschrieben, eine Psychotherapie gemacht habe. Und jedem, der den Eindruck hat, dass durch SChuldgefühle so viel Druck auf einem lastet, möchte ich von Herzen nahe legen, sich auf professionelle Art und Weise mit dem inneren verletzten Kind zu verbinden.

Und darüber hinaus ist es so ungemein wichtig, dass wir uns selbst in den Arm nehmen, uns verdeutlichen, dass wir keine Maschinen sind und Fehler machen werden. Diese werden immer mal wieder passieren. Das ist okay.

 

3. Schritte raus aus den Schuldgefühlen

a) Nimm dein inneres verletztes Kind in den Arm

Ich glaube wirklich, dass dieser erste Schritt so unglaublich wichtig ist. Und meiner Meinung nach letztlich auch der wirklich wichtigste ist. Unterstell dir selbst für dein Handeln immer und immer wieder unglaublich gute Gründe. Das, was für dein Kind zählt, zähl auch für dich.

Du bist nicht böse. Du verletzt dein Kind nicht, weil du ein furchtbarer Mensch bist. Nein, nein und noch mal nein. Du tust ihm weh, weil du nicht mit dir selbst und deinem inneren verletzten Kind in Verbindung bist.

Dein inneres verletztes Kind springt quasi auf und ab und ruft: SCHAU HIN. SEH MICH. ICH BIN AUCH NOCH DA. Und erst, wenn da offene Arme für dein inneres Kind sind, wirst du auch in der Lage sein, dein Kind genau so zu sehen, wie es ist und wieder erneut mit ihm in Verbindung kommen.

Ich selbst brauchte für diesen Schritt erst mal professionelle Hilfe und wenn es dir selbst zurzeit noch nicht gelingt, finde ich es innere Stärke sich gegebenenfalls eben erst mal von außen mit dem zu versorgen, was du brauchst. Ja, das hier wird ein eindeutiges Plädoyer für professionelle Coachings, Psychoanalyse und co. Es ist keine Schande sich Hilfe zu holen. Ganz im Gegenteil!

 

b) Schaue nach deinen Bedürfnissen

Was für Bedürfnisse sind da bei dir unerfüllt, was lässt dich so reagieren, wie du es gerade tust? Das, was für dein Kind zählt, zählt auch für dich. Ich werde nicht müde, es zu betonen. Du tust es nicht gegen dein Kind, sondern für dich. Ja, dein Kind kann nicht anders, als es auf sich zu beziehen, es braucht Hilfe, um da raus zu kommen und sich nicht selbst verantwortlich zu machen. Aber diese Unterstützung und Hilfe kannst du deinem Kind erst dann bieten, wenn du selbst nach dem schaust, was du brauchst.

Es ist wie mit der Sauerstoffversorgung im Notfall eines Flugzeugabsturzes. Auch da gilt, dass der Erwachsene erst sich versorgen soll und dann die Kinder. Es ist schlichtweg so, dass du erst dann handlungsfähig wirst, wenn du mit dem versorgt bist, was du brauchst.

Es ist möglich hier vorab Präventionsmaßnahmen zu ergreifen, in dem du dich selbst reflektierst, und Dinge aufarbeitest. Das ist wundervoll und macht uns in solchen Notsituationen wieder verstärkt handlungsfähig, eben und gerade weil wir unsere Bedürfnisse sehen und uns mit dem versorgen, was wir brauchen. In den Notsituationen selbst ist es mitunter zu spät. Um so wichtiger ist Vor- und Nachsorge.

 

c) Frage dich, was du aus deinen Fehlern lernen kannst

Das ist die Nachsorge von der ich oben sprach. Feier deine Fehler. Das mein ich ernst. Ich glaube, dass es so unglaublich wichtig ist, dass wir beginnen eine positive Fehlerkultur zu entwickeln. Leider ist genau das etwas, was uns in Schule mühsam abtrainiert wurde. Fehler sind schlecht, jeder Fehler gibt Punktabzug, jeder Punktabzug eine Note schlechter. Ich finde das wirklich fatal. Genau das verhindert doch Lernen. Wenn wir uns wegen unserer Fehler runter machen, uns selbst beschämen und für schuldig erklären, verpassen wir DIE Lernchance schlechtin. Dabei wäre es doch viel interessanter neugierig und offen zu werden.

      • Ich kann mich selbst fragen, was ich daraus lerne?
      • Wie ich es das nächste Mal besser machen könnte?
      • Was ich brauche, um für mich selbst und damit auch für meine Kinder sorgen zu können?

 

4. Was wirklich hilft

Ich glaube, dass es so viele wundervolle Wege gibt, wie wir in den Momenten, in denen wir ausrasten, unser Krönchen richten können, wieder und wieder neu aufstehen können und mit unseren Kindern in Verbindung kommen können. Ich möchte euch einige davon hier vorstellen.

a) Sag deinem Kind, dass du deinen Fehler bedauerst.

Ja. Wirklich. Übernimm Verantwortung. Und zeige deinem Kind, dass du bedauerst, dass du es gerade angeschrien hast. Das heißt nicht, dass dein Kind seinerseits dir verzeihen muss oder in sonstiger Weise nun für dich sorgen muss. Nein. Das ist nach wie vor nicht seine Aufgabe. Dein Kind liebt dich. Immer. Du bist seine Mama, und es wird nicht aufhören dich zu lieben. Egal, wie du es behandelst. Aber du zeigst dich ihm, du drückst dich aus. Und es kann dich fühlen. Genau das eröffnet den Raum, wieder in Verbindung zu kommen. Im übringen rate ich genau deshalb auch dazu, dass du dich nicht ent-schuldigst, dass gibt erneut deinem Kind Verantwortung für etwas, die es nicht trägt und nicht tragen kann.

 

b) Hör deinem Kind zu

Frag dein Kind danach, wie es ihm ergangen ist. Erzählt gemeinsam über das, was geschehen ist und hör du deinem Kind zu. Ganz ohne Scham und Schuldgefühle, sondern mit offenem Herzen und dem Wissen um die Chance, die du ihm ermöglichst, wenn du ihm Platz gibst, seine eigenen Gefühle zu verarbeiten. Das ermöglicht Raum für Verbindung und Beziehung. Und es ermöglicht dir selbst erneut in die Verantwortung für dein Kind zu kommen.

 

c) Nimm dein Kind in den Arm

Manches Mal hilft es vielleicht auch einfach, dein Kind im Arm zu halten. Ohne Worte. Gemeinsam zu bedauern und wieder zueinander zu finden. Deinem Kind zu zeigen: DU bist okay. Genau so wie du bist. Ich hab dich lieb.

„Schuldgefühle sind Gefühle, die uns zum Opfer verdammen, die unsere Lebensenergie blockieren und uns den Lebensmut rauben.“ (Marion Dammberg)

 

Schreib doch mal hier in die Kommentare, wie dein Weg aussieht.
Wie gelingt es dir wieder in die Verbindung mit deinem Kind zu kommen, wenn du sie verloren hast?

Written by Verena

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