Wenn der Schmerz zu groß ist, sucht sich die menschliche Psyche Schutz

Mir begegnen in regelmäßigen Abständen wiederkehrende Argumente gegen friedvolle Elternschaft. Ich glaube, dass die oft dann gesucht werden, wenn es zu schmerzhaft wird. Oft ist es dann leichter, zu begründen, warum dies oder jenes nicht geht. Warum man manches eben machen muss und es nun mal leider keine andere Lösung gibt. Da wird Verantwortung deshalb von sich geschoben, weil damit einher Schuld geht. Und Schuld ist Krieg gegen mich selbst. (Lies hier mehr)

Um das nicht fühlen zu müssen und Selbstreflexion umgehen zu können, wird auf unverrückbare Argumente hingewiesen. Ich verstehe das. Für mich ist das gelebter Selbstschutz. Und gleichzeitig glaube ich, dass wir uns, genau dann, wenn wir uns von Schuld lösen und in die Selbstverantwortung begeben auch erst dann wirklich zutiefst friedvoll mit uns selbst und unseren Mitmenschen – insbesondere unseren Kindern werden können. Und ich glaube, dass der Weg durch das Durchfühlen des Schmerzes letztlich in die Freiheit führt, in gelebte Selbstbestimmung und wir wirklich anfangen unser Leben in Tiefe zu leben.

1. „Manches muss halt eben“

Ich höre immer und immer wieder, dass manches eben einfach nicht geht und manches eben einfach auch mal sein muss. Da muss das Kind eben angeschrien werden, das geht eben nicht anders. Hier muss einfach auch mal geschimpft oder gestraft werden. Und überhaupt… so ist das Leben ja nun einmal nicht. Ich glaube das nicht mehr.

Das wird jetzt unangenehm. Ich glaube, dass wir unser Leben durch und durch selbstbestimmt leben können, dass Selbstbestimmung Menschenrecht ist und wir tun und lassen können, was wir wollen. Ich glaube, dass alles im Leben eine Entscheidung ist und wir in unserem Leben überhaupt gar nichts tun müssen.

Interessant wird es, wenn du glaubst, dass da eben doch die ein oder anderen Dinge sind, die du einfach tun musst, Geld verdienen zum Beispiel, zur Arbeit fahren, dein Kind zur Schule bringen, Steuern zahlen, all das halt.

Ich glaube, dass es Bedürfnisse erfüllt hier in der Opferrolle zu verbleiben und sich einzureden, dass das Leben einem einfach manchmal echt blöde Karten zu spielt, und man das doch eigentlich gar nicht alles verdient hat. Was für Bedürfnisse könnte mir das erfüllen? Wahrgenommen werden? Leiden ist in unserer Gesellschaft weit verbreitet und gehört quasi schon zum guten Ton, die anderen pflichten einem in der Regel oft bei und schenken einem Anerkennung und Aufmerksamkeit. Da könnte auch Wertschätzung und Zuwendung mit rein spielen. Vielleicht spielt da auch Angst mit rein, und die Tatsache, dass es eben gegebenenfalls doch veränderbar wäre, ist so beängstigend, dass mit der Opferrolle das Bedürfnis nach Sicherheit und Halt erfüllt wird.

Diese Opferrolle, die so viele von uns über Jahre der Kindheit erlernt haben, erfüllt also Bedürfnisse, und es erklärt sich mir auch, warum wir uns darein flüchten. Das Ding ist nur, wenn wir uns für die Opferrolle und gegen die Selbstverantwortung entscheiden, leiden wir eben weiter und das Leben entscheidet für uns.

Die Alternative wäre, dass du dir deine Themen ansiehst, und sie Stückchen für Stücken bearbeitest, dir deine Ängste ansiehst, deine unerfüllten Bedürfnisse, deine Glaubenssätze, all das. Ist das wirklich wahr? Muss ich arbeiten gehen? Jetzt höre ich eine laut aufschreien, NATÜRLICH, sonst lande ich ja auf der Straße. Gut, ob das wirklich geschähe, und ob das automatisch die Konsequenz wäre, mag ich schon mal zur Debatte stellen. Und weiter frag ich mich da, ob das dann wirklich im Umkehrschluss heißt, dass ich arbeiten gehen MUSS? Oder WILL ich arbeiten gehen? Und das wäre ja auch vollkommen in Ordnung, einfach weil du du bist und du genau so wie du bist, mit allem was du an Bedürfnissen hast in Ordnung bist.

Das Ding ist, genau das gleiche gilt für unseren Umgang mit unseren Kindern. Wenn ich sie nicht anschreien MUSS, wenn ich sie nicht strafen MUSS, wenn ich nicht drohen, erpressen und all das MUSS, ja dann bleibt nur das ich das WILL. Und keiner von uns will das, weil er scheiße ist. Ne. Niemand. Aber wir tragen alle in uns unser inneres verletztes Kind, jeder trägt längst vergangenen Schmerz aus seiner Kindheit mit uns und der ein oder andere trägt Traumata in sich. Und das anzuerkennen, das zu sehen, wahr zu nehmen und sehen zu wollen, das ist eine riesige Herausforderung und das schafft der ein oder andere sein gesamtes Leben lang nicht. Dazu ist der Schmerz zu groß, das Trauma zu manigfaltig.

 

2. „Das Kind wird dir auf der Nase herumtanzen.“

Oh ja. Eine weit verbreitete Angst. Ein wiederkehrendes Argument: Das Kind wird dir auf der Nase herumtanzen.

Aber was steckt denn ganz konkret da hinter? Die Angst, die dahinter steckt lautet im Grunde genommen: Das Kind tut nur noch was es will. Das Kind hört nicht mehr auf dich. JA BITTE.

Für mich ist hier „hören“ gleichbedeutend mit, das Kind zeigt Gehorsam. Und das will ich nicht. Ich will meine Macht, die ich als Mama nun einmal habe (und die ich auch alles andere als negieren will) nicht dazu missbrauchen, mein Kind dazu zu nötigen, bedingungslosen Gehorsam zu zeigen (zum versteckten Gehorsam in Eltern Kind Beziehungen findest du hier und hier mehr Input) sondern ich will in BEziehung mit meinem Kind leben, im friedvollen MITeinander. Das füllt mich selbst zutiefst aus, das fühlt sich für mich stimmig und richtig an, das ist das wofür ich lebe, für tiefe, innige friedvolle Verbindungen zu meinen Lieblingsmenschen.

Ich feiere also, wenn mein Kind tanzt. Wenn es äußert und weiß, was es will und wir darüber ins „Unden“ (hier habe ich darüber geschrieben) kommen können. Vorausgesetzt ich selbst weiß, was ich will. Und wie vielen von uns wurde genau das in der eigenen Kindheit sukzessive abtrainiert, selbst zu wissen, was für einen gut ist, was wir wollen, was wir brauchen.

 

3. „UNERZOGEN? Wie bitte? Kinder sind aber doch manchmal auch einfach kleine Egoisten.“

Ich habe es schon öfter erlebt. Beginne ich gegenüber Menschen, die ein erzieherisches MindSet mitbringen von „Unerzogen“ zu sprechen, werde ich angestarrt als hätte ich Schokoküsse mit Honig übergossen und Kümmel und Chili verfeinert zum Frühstück verspachtelt. Es wird geprustet, mein Gegenüber verschluckt sich, wird sauer. Hast du noch nicht getan? Mach mal.

Da werden Bilder von Kindern transportiert, die wie kleine Monster nur das Leid der großen Menschen im Sinn haben, wenn sie nicht frühzeitig gebremst und in ihre Schranken verwiesen werden. Ich mein, ja. Mir ist klar, woher diese Vorstellung kommt. Ich versteh es. Und ich fühle wie viel Schmerz dahinter verborgen ist. Aber Kinder sind keine Egoisten, sie haben entwicklungsbedingt einen egozentrischen Blickwinkel auf die Welt. Okay. Ja. Völlig in Ordnung. Sie sind auch nicht auf die Welt gekommen, um sich von nun an um die großen Menschen zu kümmern und diese zu versorgen, sondern die großen Menschen sind für die kleinen Menschen verantwortlich und es ist an ihnen sie mit dem zu versorgen was sie brauchen. Kinder haben das Recht dazu, dass da große Menschen sind, die sich bedingungslos um die Bedürfniserfüllung der kleinen Menschen kümmern. Sie selbst können es noch nicht.

Darüber hinaus möchte ich an dieser Stelle für einen gesunden Egoismus plädieren. Ich glaube wirklich, dass es uns gelingt die Eltern zu sein und ins friedvolle Miteinander zu kommen, wenn wir uns selbst mit dem versorgen, was wir brauchen. Und da lässt es mich sehr nachdenklich zurück, Selbstverantwortung mit dem Begriff „Egoismus“ einen negativen Touch zu verpassen.

NE. Es ist unsere VERANTWORTUNG unendlich liebevoll und sorgsam mit uns selbst umzugehen. Das ist nicht nett, kein Luxus, nicht mal ne Sache, die ich ab und an mal nebenbei mache. Das ist das was ich lebe, weil ich vom Frieden in mir, den Frieden in die Welt tragen kann und dann in Verbindung mit meinen Mitmenschen komme, wenn ich mit mir selbst verbunden bin und mich mit dem versorgt habe, was ich selbst brauche. Ich gebe mich also auch nicht vollkommen selbst auf, wenn ich mein Kind nicht mehr erziehe – ganz im Gegenteil. Für mich ist absolute Bedingung friedvoller Elternschaft, dass ich anfange mich selbst ernst zu nehmen, mich bedingungslos mit dem versorge, was ich brauche, und entscheide, friedvoll mit mir selbst umzugehen.

Ich wünsche dir, mir, unseren Kindern und allen Menschen auf dieser Welt, dass sie in die friedvolle Verbindung mit sich selbst kommen, dass es ihnen gelingt, sich selbst genau so anzunehmen wie sie sind und ihren Wert und Würde erkennen und fühlen können.

Deine Verena

Written by Verena

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