Kind tut’s einfach nicht…

Ich begegne dem regelmäßig. Grad heute wieder, da bekam ich zu hören, mein Kind kann doch aber auch einfach mal helfen, wenn ich es darum bitte.

Manoman.

Es kann doch einfach mal teilen, wenn ich schon bitte sag.

Ey! Geht’s noch?

Mein Kind tut einfach nicht was ich ihm sage!

Der Unterschied zwischen Bitte und Befehl

Nun. Was ist denn überhaupt eine Bitte? Bei einer Bitte „hat der Zuhörer die Wahl, selber zu entscheiden, ob er diese erfüllt oder nicht. Der Sprecher hat die Möglichkeit die einzelnen Faktoren zur Erfüllung seiner Bitte mit dem Zuhörer zu verhandeln. Hintergrund ist, dass beide Gesprächs-Parteien ihre Bedürfnisse im Auge haben und eigene Grenzen nicht über treten werden. Jeder darf für sich entscheiden, was ihm gerade gut tut und äußern, wenn Widerstand spürbar ist.“ (Muutos e. V. 2017) Bin ich in Folge dessen, dass mein Kind nicht tut, worum ich es gebeten habe, empört, fange ich womöglich an zu drohen, oder Konsequenzen auszusprechen, dann habe ich keine Bitte formuliert.

In dem Fall war die von mir formulierte Aussage, ein Befehl und keine Bitte.

Und meine Gefühle fußen darauf, dass ich entsetzt darüber bin, dass mein Kind meine Befehle nicht befolgt.

Die Sache mit dem Willen

Formuliere ich eine echte Bitte, steht es meinem Kind also frei, diese abzuschlagen. Es steht einem kleinen ebenso wie einem großen Menschen frei zu sagen »Nein, ich will das nicht«, eben nicht zu wollen. Und es ist an mir das »Nein« zu respektieren, wie ich es bei einem großen Menschen tun würde oder nach Lösungen zu suchen, so dass meine Bedürfnisse und die meines Kindes erfüllt sind.

Kind sind Teamplayer, sie wollen zutiefst kooperieren, wenn wir ihnen Befehle entgegen rufen, flüstern, mit Wimpernschlag säuseln (und nein! Das macht es nicht freundlicher!) etc. geht genau das gegen ihre Würde und eine Verweigerung kann äußerst gesund sein.

Alice Miller schrieb in ihrem Buch »Das verbannte Wissen« sehr eindrucksvoll folgendes Zitat:

„Wenn ich als hilfloses Kind mißbraucht worden bin und dies NICHT SEHEN DARF, werde ich andere hilflose Wesen mißbrauchen, ohne zu realisieren, was ich tue.“ (Miller 1990)

Wenn mir als Kind Befehle versteckt als »Bitten« entgegengebracht wurden und ich ohne Regressionen schlichtweg keine Wahl hatte, ob ich diese befolgen will oder nicht, dann werde ich dies unreflektiert auch als großer Mensch selbst an kleine Menschen weiter geben ohne die Realität dabei zu sehen, wie sie ist.

Erst wenn wir anfangen uns dem inneren verletzten Kind gegenüber annehmen zu können, den eigenen Schmerz aushalten können und einen Raum der Heilung für uns schaffen, wird es uns gelingen in ein echtes tiefes MITeinander mit unseren Kindern zu gelangen und es möglich, die Vorstellung davon, dass Gehorsam überhaupt notwendig ist, fallen zu lassen.

Wie löse ich diese Situation für mich selbst auf?

Nun. Ich glaube, um aus dieser Hilflosigkeit, Empörung und diesem Entsetzen heraus zu kommen, führt mich der Weg immer und immer wieder in die Selbstverantwortung und die Verantwortungsübernahme für die Bedürfniserfüllung meines Kindes, sowie die Beziehungsqualität zu meinem Kind.

a) Höre deinem Kind zu

Worum es geht es denn deinem Kind, wenn es eben NICHT will. Nimm du dein Kind ernst. Gehe davon aus, dass es irgendeinen guten Grund gibt, dass es einen Sinn hat, WARUM dein Kind eben gerade nicht will. Warum will es dir gerade nicht helfen? Warum will es denn gerade nicht teilen? Unterstell deinem Kind gute Gründe für sein Verhalten und begegne deinem Kind offen und aufrichtig.

I know.

Es ist gesellschaftlich so weit verbreitet, da wird das Kind als faul betitelt, hier als Tyrann und dort als asozial.

Jau.

Es ist leicht und angesagt, Kindern alle möglichen schlechten Gründe für ihr Verhalten zu unterstellen.
Es ist leicht, kleine Menschen für das Übel der Welt verantwortlich zu machen. Sie haben ja keine Lobby.

Davon auszugehen, dass ein Kind sich aus guten Gründen so verhält, wie es das tut, davon auszugehen, dass das Kind ein Mensch ist, ist ziemlich revolutionär.

b) Nimm dich selbst ernst

Tja. Wirklich.

Wenn du glaubst zu wissen, worum es deinem Kind geht, und ihm gute Gründe unterstellst, dann mach bei dir weiter. Schau hin.

Worum geht es dir, wenn du willst, dass dein Kind Befehle ausführt?

Was steckt WIRKLICH dahinter?

Will dein inneres Kind gerettet werden, gesehen, geliebt und anerkannt werden, Wertschätzung und Unterstützung erhalten?
Ich verstehe das zutiefst. Genau das sind menschliche Grundbedürfnisse, die wir so oft in unserer eigenen Kindheit selbst nicht erfüllt bekommen haben.

Jetzt wird’s oft schmerzhaft. Und hier wird der Ruf danach, dass das Kind dieses oder jenes eben lernen muss, umso lauter.

c) Werde dir bewusst: WILLST du wirklich Gehorsam oder MITeinander?

Was spielt im Leben WIRKLICH eine Rolle? Geht es dir darum, der Befehlshaber über dein Kind zu sein? Siehst du es als seine Aufgabe an, dir deine Bedürfnisse zu erfüllen? Dann wirst du an Erziehung, an der der Ansage von Befehlen, deinem Drama und deiner Opferrolle festhalten.

Aber möchtest du das? Really?

Oder ist es nicht vielmehr so, dass die Natur es nun mal so eingerichtet hat, dass große Menschen für kleine Menschen verantwortlich sind, dass es an ihnen ist die Bedürfnisse kleiner Menschen zu erfüllen, weil diese es schlichtweg noch nicht selbst können? Glaubst du an den Kooperationswillen eines jeden Menschen, daran das der Mensch von Natur aus sozial ist und an das Selbstbestimmungsrecht des Menschen? Und glaubst du daran, dass du als großer Mensch für die Beziehungsqualität zu deinen Kindern verantwortlich bist? Welche Werte vertrittst du selbst und wofür stehst du ein?

Dann frage dich, ob es dir das wirklich wert ist.

Das Verlangen von Gehorsam, das Zwingen eines Menschens hinterlässt immer Narben in der Beziehung zwischen zwei Menschen.

Auch hier glaube ich, dass es oft zu schmerzvoll ist, die eigene Beziehung zu sich und seinen Eltern in den Blick zu nehmen.
Anstatt sich seinen eigenen Schmerz anzusehen, die Chance zur Heilung zu nutzen und in die Selbstverantwortung zu kommen, wird eben einmal mehr betont, dass dieses oder jenes nun mal nicht geht, sich das Kind völlig unmöglich verhält und eben auf Krawall aus ist.

So einfach. So traurig.

Auf diese Weise wird erzieherisches Gebaren gerechtfertigt, die Verantwortung für ausgeübten Zwang abgegeben, Gewalt legitimiert.

Weil du so bist, wie du bist, muss ich so handeln, wie ich es tue. Ich habe gar keine andere Wahl.

Und nicht selten wird genau das zur Lebenslüge. Erziehung ist nichts anderes als eine subtile Verwischung der Realität zu gunsten der Bedürfniserfüllung großer Menschen, wenn es zu schmerzhaft wäre der Wirklichkeit in die Augen zu blicken. Aber jetzt sind wir groß. Du. Und ich. Und jetzt ist es an uns. Jetzt sind wir in der Verantwortung.

Ich wünsche dir, dass es dir gelingt, dich selbst anzunehmen, deinen Schmerz zu heilen, genau das führt dich immer weiter in die Verbindung zu dir selbst.
Und damit auch in ein echtes, tiefes MITeinander mit deinem Kind.

Written by Verena

    4 Kommentare

  1. blossa 26. Mai 2019 at 22:31 Antworten

    Wie denn den Schmerz heilen? We kann ivh das kobkret angehen?

    Ich würde so gerne und stolper dann doch immer wieder über die Verzweiflung, entweder den ganzen Tag alles (!) Hinterher zu räumen weil Bitten abgeschlagen werden oder im Chaos zu versinken oder leider verzweifelt herum zu brüllen…

    Und wie ist es mit so Sachen wie sonnencreme? Ihr Körper. .. aber die Gefahr von Sonnenbrand… schützen /Integrität verletzen /ewig erklären und bitten. . Dafür reicht meine Energie nicht mehr weil ich gefühlt alles erbitten muss, jeden Handgriff und dann an mein Limit komme.
    Sehe ich den Wald vor lauter Bäumen nicht? Ich hoffe total auf eine hilfreiche Antwort. Deine Texte verschlinge ich. Danke!

  2. Verena 27. Mai 2019 at 08:30 Antworten

    Heyho,

    oh je, deine Worte lesen sich sehr verzweifelt und schmerzerfüllt. Ich war auch an dem Punkt und stoße auch immer noch auf wunde Punkte an mir, die ich mir anschauen und an denen ich wachsen darf.

    Dein Kind spielt und damit lernt es. Du bist deinem Kind nicht egal. Und gleichzeitig hat es seine eigene Sicht auf die Dinge, es ist so in seinem kindlichen Sein, in seiner Lernfreude, dass es nicht versteht, warum es aufräumen soll. Das Bedürfnis nach Ordnung ist deins. Und das ist vollkommen in Ordnung. Nimm erst mal an, was ist.

    Dein Kind möchte dein Bedürfnis nach Ordnung nicht erfüllen. Ok.

    Jetzt hast du zwei Möglichkeiten, entweder du versorgst dich selbst und erfüllst dir dein Bedürfnis nach Ordnung auf andere Art und Weise oder du beginnst zu befehlen, rum zu brüllen (und glaub mir, ich war auch an dem Punkt, ich verstehe dich unglaublich gut. Ich hab irgendwann für mich entschieden, dass ich wegen solchen Dingen die Beziehung zu meinem Kind nicht mehr belasten möchte). Ich möchte nicht, dass mein Kind sich gezwungen fühlt mir zu helfen, dazu ist mir Hilfe und Unterstüztung und das, was es ausmacht viel zu wertvoll, und ich erlebe es inzwischen als ein wundervolles Geschenk, wenn ich unterstützt werde oder mir geholfen wird. Kein Mensch dieser Welt ist für mich und meine Bedürfnisse verantwortlich. Das bin ich nur selbst.

    Also… was kann ich tun, damit ich mein Kind nicht dazu zwinge mir das Bedürfnis nach Ordnung zu erfüllen:

    – hm, kommt bei euch eine Haushaltshilfe in Frage?
    – Hast du Freunde oder Familie, die dir gern helfen würden aufzuräumen? (da liegt ja oft der Glaubenssatz verborgen, ich darf keine Hilfe annehmen)
    – wann räumst du gerne auf? Wann tust du genau das gerne für dich? Ich würde nur aufräumen, wenn ich das wirklich WILL. Du musst in deinem Leben gar nichts, genau so wenig wie dein Kind. Räum nicht auf, wenn du es nicht aus vollem Herzen gerne willst. Ich räume nur noch dann auf, wenn ich es wirklich WILL. Ja, das heißt auch, dass bei uns öfter mal Sachen rumfliegen. Inzwischen geh ich da mit der Haltung ran, dass die Kindheit meiner Kinder nur so miniminimini kurz ist, und diese so kurze Zeit viel zu wertvoll ist und viel bedeutsamer, als mein Bedürfnis nach Ordnung (das habe ich für mich so entschieden, aber ich verstehe auch, wenn jemand das für sich so nicht annehmen kann und da nicht loslassen kann, also gilt es Lösungen zu finden, die beide Bedürfnisse abdecken) Ich räume zum Beispiel unglaublich gerne mit jemandem zusammen auf, wenn ich mich in der Zeit unterhalten kann. Also wird Aufräumen dann zum Gemeinschaftsprojekt.

    Und schließlich: Worum geht es dir, wenn du möchtest, dass aufgeräumt ist? Geht es dir um dein eigenes Bedürfnis nach Ordnung oder geht es dir um Anerkennung durch andere, um Wertschätzung? Ist es die Ordnung, die du für dich brauchst, oder sind da Glaubenssätze, die dich meinen glauben zu lassen, dass das wichtig ist, und dass du genau dann eine gute Mutter bist, wenn du alles im Griff hast, Haushalt, Kinder, Job und all das? Vielleicht magst du da mal rein fühlen?

    Ich antworte nachher noch mal weiter :).

  3. blossa 27. Mai 2019 at 10:09 Antworten

    Wow. Ich bin gerade zu Tränen gerührt, dass du so lange und hilfreich geantwortet hast. Danke! Ja, tatsächlich bin ich abends öfters verzweifelt, wenn ich in der Ruhe dann schmerzvoll bereue wie ich mein Kind verletzt habe mit meinen Worten.
    Und ich wünschte, ich könnte sagen dass es nur ein alter Glaubenssatz ist aber tatsächlich brauche ich für mich alleine ein ordentliches Umfeld. Aber du hast vollkommen recht , es ist MEIN Bedürfnis. Ich kann wünschen aber will nicht drohen/erpressen etc. Das ist der große Schmerz den du rausgelese hast: wenn ich es doch getan habe. Und der zweite ist tatsächlich glaube ich ein verletztes inneres Kind, da ich dann so „kindische“ Gefühle bekomme wie: keiner sieht mich/hilft mir/nimmt mein Bedürfnis ernst.. wie ich diese verletzten unerfüllten alten Bedürfnisse heile und vor allem mir selbst erfülle ist mir nur halb klar.
    Ganz liebe Grüße und von Herzen Danke für deine wertvolle Arbeit!

  4. Verena 27. Mai 2019 at 12:17 Antworten

    Oh wow, so eine reflektierte, wundervolle Mama. Und ich bin zutiefst von deinem Vertrauen, dass du mir hier entgegen bringst. Das bewegt mich sehr. Ich danke dir von Herzen!

    Du, du bist vollkommen okay, genau so wie du bist. Du wünschst dir aus ganzem Herzen Ordnung. Das ist bei dir ein grundlegendes Bedürfnis. Ich finde es absolut genial, dass du das für dich erkannt hast. Das ist doch so ein unglaublich wichtiger Schritt, wie viele sind sich dessen nicht bewusst, was sie brauchen.

    Kannnst du dir für dich eine Insel schaffen, irgendwo einen Platz im Haus oder in der Wohnung, von der du grundsätzlich weißt, dass wenn du spürst, dass dein Bedürfnis da wieder unerfüllt ist, du dich dorthin abends zurück ziehen kannst? Kannst du vielleicht ein „Ordnungssystem“ einführen, dass es dir ermöglicht abends schnell und effizient, alles in eine Kiste zu packen? Wenn wir einmal anfangen uns von unserer Lieblingsstrategie (das ganze Haus soll einfach aufgeräumt sein 😉 ) zu lösen, können wir unglaublich kreativ werden, wie wir uns unsere eigenen Bedürfnisse erfüllen können, ohne, dass wir dafür unsere Kinder brauchen. Aber allein da kann schon so viel Schmerz liegen, weil wir selbiges in unserer Kindheit gelernt haben und nicht gelernt haben, wie wir uns unsere Bedürfnisse selbst erfüllen können.

    Ich sehe dich. Ich kann deine Verzweiflung nachfühlen. Dein Bedürfnistank ist ja vollkommen leer. Vielleicht sehnst du dich nach Leichtigkeit, Ordnung, Klarheit, Struktur? Und ja, wir haben nicht gelernt, uns selbst gut zu versorgen. Wir haben nicht gelernt, wie wir uns unsere Bedürfnisse umfassend selbst erfüllen können und also resultiert da diese Verzweiflung als Folge unerfüllter Bedürfnisse. Sich selbst einzugestehen, dass wir selbst wichtig sind und Lösungen zu suchen, damit unsere Bedürfnisse erfüllt sind, ist DER fundamentale Schritt schlechthin in friedvolle Elternschaft.

    Ich feiere wirklich, wie tief du dir deiner selbst schon bewusst bist. Ich finde, dass das so ein wertvoller Schatz ist, auf dem du aufbauen kannst. Dein inneres verletztes Kind sehnt sich danach gesehen, ernst genommen, gerettet zu werden. Und weißt du, ich versteh das vollkommen. Diese Sehnsucht ist so menschlich, so verständlich, du bist damit nicht allein.

    Ich glaube, dass das ganze einen Raum braucht, in dem du bedingungslos Du selbst sein kannst und das ERFÄHRST. Es ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis wir selbst sein zu dürfen, genau so wie wir sind. Hast du Facebook? Vielleicht hast du Lust in meine FacebookGruppe zu kommen? Ich glaube da wird der Austausch noch mal intensiver möglich und du triffst auf andere ganz arg liebevolle Mamas, die auch auf dem Weg sind. „AufdemWegzumMamaSein“ heißt meine Facebook Gruppe. Wenn du Lust drauf hast 🙂 Ich freue mich von Herzen auf dich.

Leave a Comment