Die Angst vor dem Verwöhnen

Ich höre es immer und immer wieder. Die Frage danach, wo es aufhören muss. Die Sorge davor, ein Kind OHNE Frustrationstoleranz heran zu ziehen. Und die Zweifel daran, dass das Kind weiß wo Schluss ist, wenn ich alle seine Wünsche erfülle. Da schwingt die Angst mit, ein Kind zur Maßlosigkeit, zur Habsucht, zur einem gierigen kleinen Tyrannen heran zu ziehen. Meine Mutter sagte so oft zu uns

»Omas, die dürfen Kinder auch schon mal verwöhnen. Mamas müssen hart und konsequent sein.«

Und tatsächlich. Ich habe das zutiefst geglaubt und für wahr gehalten. Und vermutlich wurde meiner Mutter in ihrer Kindheit ähnliches gesagt, sie hat es für wahr gehalten und an meine Geschwister und mich weiter gegeben. Da ist der Wunsch, dass aus den Kindern etwas wird, dass sie soziale Wesen der Gesellschaft werden, teilen, einander zugewandt sind, nicht raffgierig, sozial halt eben.

Das Ding ist der Mensch ist von Natur aus sozial.

Der Mensch ist von Natur aus darauf ausgelegt, in BEziehung zu kommen. Wie hat es Martin Buber so wunderbar ausgedrückt: Der Mensch wird am Du zum Ich. Der Mensch MUSS nicht sozial »gemacht« werden. Er ist es, mit dem ersten Herzschlag, dem ersten Atemzug. Unsere Kinder wollen, genau deshalb weil sie Menschen sind, zutiefst mit uns kooperieren.

Es ist für mich schier unmöglich ein Kind zu sehr zu verwöhnen.

Was gibt es nicht alles für Erwachsene, an Spas, Wellnesstempel und co. Kein Mensch würde hier denken…

»Heyheyhey, DER war jetzt diese Woche schon 3 mal im Solarium, wenn der jetzt noch mal geht und der Besitzer ihm nicht den Eintritt verbietet ist er verwöhnt! ER wird nie im Leben Frustrationstoleranz erwerben und überhaupt damit ist der Tyrann in ihm erwacht. Also bitte lasst jeden Erwachsenen nur 3 mal die Woche ins Solarium.«

Der betroffene Erwachsene würde berechtigterweise fragen, ob seine Mitmenschen ein Problem haben. Und das haben sie dann offensichtlich auch. Das Kind kann das nicht und macht sich selbst dafür verantwortlich. Dabei ist es hier auch nicht anders. Kinder sind Menschen. Sie sind kein Mensch zweiter Klasse. Und wenn ich Angst davor habe, dass ich das Kind verwöhne und mit möglichen Auswirkungen leben muss, dann liegt das Problem nicht beim Kind, das als Mensch von Natur aus sozial ist.

Es liegt bei mir. Ich habe als Kind mit auf den Weg bekommen, dass man Kindern misstrauen muss, dass sie kleine Sozialschmarotzer sind, aber das ist schlichtweg nicht wahr. Keiner von uns wollte seiner Mama oder seinem Papa schaden, wir haben sie alle zutiefst geliebt. Ein Kind, das von seinen Bedürfnissen her gut genährt ist, wird auch mit natürlich gegebenen.Frustrationen klar kommen. Dazu brauche ich es nicht vorsätzlich frustrieren und damit seine Frustrationstoleranz stärken. Das ist menschenunwürdig, wenn ich von einem sozialen Menschenbild ausgehe.

Verwöhnte kleine Menschen werden zu großen Menschen, die sich selbst verwöhnen

Und davon hat die Welt viel zu wenig. Die Welt hat genug Menschen, die durch Selbstzweifel geplagt sind, die ihr eigenes Gefühl für ihren Wert als Menschen verloren haben, die deshalb andere Menschen verletzen, gewaltvoll agieren und aggressiv sind, weil sie so dermaßen in Not geraten. Sie erkennen in den Handlungen anderer Menschen eine Abwertung ihrer selbst, deuten dies entsprechend und glauben dann zum Gegenschlag ausholen zu müssen, um ihre eigene Integrität zu schützen. Dabei sehen sie nicht, dass sie sich selbst gegenüber zu den Verletzern geworden sind, die ihre eigenen Eltern ihnen in ihrer Kindheit einst waren. Der Mensch verliert sich selbst gegenüber den Respekt und damit auch den Respekt gegenüber dem Du. Was die Welt so dringend braucht sind Menschen, die sich selbst ernst nehmen, die achtsam gegenüber sich selbst sind und ihren eigenen Wert und ihre Würde erkennen.

Menschen, die ihren eigenen Wert erkennen, bringen den Frieden in die Welt

Es liegt in der Verantwortung eines jeden einzelnen für sich zu sorgen. Es ist die Aufgabe eines Einzelnen sich allumfassend seine Bedürfnisse zu erfüllen. Aus dieser Fülle heraus wird es uns als Eltern möglich, wirklich in tiefer Verbundenheit mit unseren Kindern friedvoll zu SEIN. Ihnen das umfassend zu schenken und so für sie da zu sein, wie sie das brauchen. Dann können wir den Frieden, den wir in uns selbst entdecken, auch LEBEN. Und genau deshalb ist es so wichtig, dass du JETZT SOFORT beginnst dein Kind zu verwöhnen.

Ein verwöhntes Kind ist ein Mensch, dessen Bedürfnisse allumfassend erfüllt sind. Und ein kleiner Mensch dessen Bedürfnisse dermaßen erfüllt sind, wird zu einem großen Menschen, der gelernt hat, umfassend für sich selbst zu sorgen. Wirf also deine Ängste, Sorgen und Zweifel über Bord. Blick in die Augen deines Kindes und frage dein Kind, was es hier und jetzt braucht. Und gib ihm alles, was du in der Lage bist ihm zu geben. Ganz ohne Skrupel, ohne Ängste und Vorbehalte. Nimm du dein Kind bedingungslos an, wie es ist, damit es zum Erwachsenen von morgen wird, der sich allumfassend annehmen kann, wie er ist. Und diesen Frieden in die Welt transportiert.

Written by Verena

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