1. Die Warnung vor Handy-Zombies

In der HNA ist vor nicht allzu langer Zeit ein Zeitungsausschnitt erschienen ala »So wird dein Kind kein Handy-Zombie«. Dieser Artikel hängt an der Schule, an der ich arbeite aus. Jeden Tag laufe ich an diesem Zeitungsausschnitt vorbei. Und jedes Mal rolle ich innerlich die Augen. Allein die Überschrift suggeriert, dass Menschen zu „Handy Zombies« mutieren können. Kleine wie große Menschen, das sein nun mal dahin gestellt. Bei kleinen Menschen ist es aber leichter offen, klar und eindeutig zu verurteilen. Das gesellschaftliche Entsetzen ist riesig, das Ausmaß der verhängnisvollen Folgen durch Handys kaum auszudenken. Es ist schlicht und ergreifend eine Katastrophe.

Gut.

Ich nutze mein Handy, Smartphone whatever regelmäßig, ich hänge am PC, ich poste regelmäßig auf Facebook, ich blogge und bin online sehr aktiv. Ich wäre also womöglich ein solch befürchteter »Handy-Zombie« und glaube da ganz passend meinen Senf mit dazu geben zu können. Und für mich ist dieser Artikel schlichtweg ein solcher, der einfach ein Thema aufgreift, dass momentan angesagt ist ohne es kritisch und umfassend zu reflektieren. Dabei ist es wie mit so vielem. 1. Zwischen schwarz und weiß. Ja und Nein. Gibt es Graustufen. Und davon viele. Wenn bei Förderplan Gesprächen Eltern immer und immer wieder mit auf dem Weg gegeben wird, wie wichtig es sei Medien streng zu regulieren, fällt es mit aus meiner Sicht immer schwerer die Füße still zu halten und zu diesem Thema zu schweigen.

2. Was sind denn »Medien« überhaupt?

„Mit dem Begriff Medium ist ein vermittelndes Element gemeint. Wörtlich übersetzt heißt der Begriff Medium nämlich Mitte oder das Mittlere. Seit etwa dreißig Jahren gebraucht man das Wort Medium in seiner pluralen Form Medien und meint damit alle möglichen Kommunikationsmittel.“ (Fuchs Media Solutions o. J.)

Sprich nicht nur das vermeintlich Böse – nämlich die digitalen Medien. Ne auch Bücher, Zeitschrifte und Zeitungen (Printmedien) gehören hierzu. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Die Eltern sollen doch bitte Medienzeiten streng regulieren, aber die Hausaufgaben sollen die Schüler natürlich bitte machen. Das gestaltet sich in meinen Augen ein ganz klein wenig schwierig…
Übrigens ist das ein Thema bei dem auch Erwachsenen ein geringer Toleranzraum zugestanden wird. Wenn hier auch nicht mehr geschrien wird, dass es MUSS sei nach spätestens einer halben Stunde endlich den AusKnopf zu drücken.

Dennoch – die Mutter auf dem Spielplatz, die telefoniert, während ihr Kind ausgelassen (!) spielt, wird komisch angesehen und verurteilt. Warum? Weil sie gerade in der Zeit, in der ihr Kind sie etwas weniger stark braucht, die Zeit für sich nutzt? Weil sie gerade ihr Bedürfnis nach Verbindung befriedigt, weil ihr ansonsten die Decke auf den Kopf gefallen ist und sie sich nach Austausch unter Erwachsenen sehnt? Ja, es interessiert nicht einmal mit wem und warum sie gerade interessiert. Nein. Sie hat das als Mama gefälligst nicht zu tun. Punkt. Ende der Diskussion.

3. Fühl dich gefälligst scheiße, wenn du digitale Medien nutzt

In der Klinik in der meine jüngere Tochter geboren wurde hing ein Plakat der Kampange »Heute schon mit ihrem Kind gesprochen?« aus. Hier findest du ein Beispielplakat dieser Kamange.
Für mich suggeriert das: Mama! Fühl dich gefälligst scheiße, wenn du für dich sorgst, vollkommen unabhängig wie deine Situation gerade aussieht. Und für mich ist das unreflektiert, schwarz / weiß Denken, Polemik. Ja, ich glaube, dass die Befürworter dieser Kampange ihre guten Gründe für diese haben und ihr Ziel auch klar wird. Das rechne ich ihnen an. Und möchte gar nicht herunter spielen, dass es die Problematik, dass Eltern ihre Kinder aufgrund digitaler Medien vernachlässigen, tatsächlich gibt.

Nein. Ich plädiere nicht dafür, dass du die Bedürfnisse deines Kindes ignorieren sollst, weil bei Facebook gerade die neueste Freundschaftsanfrage auf dich wartet. Bestimmt nicht. Ich würde mir allerdings von Herzen wünschen, dass wir anfangen dieses Thema vielschichtiger zu diskutieren als

„Das ist scheiße. Gibt’s nicht. Verbiete ich. Punkt.“

Und bei Kindern wird dieses Thema (wie so viele andere auch) noch erbittlicher, konsequenter, drastischer dämonisiert als es bei Erwachsenen der Fall ist. Dabei würde hier statt sozialer Abwertung womöglich wie so oft Vertrauen, Empathie und Wertschätzung viel mehr helfen.

4. Entwarnung meinerseits: Ich habe noch keinen Handy-Zombie gesehen.

Also von meiner Seite aus gibt es Entwarnung. Die Überschrift trifft es puntkgenau. Ich habe noch keinen Handy-Zombie gesehen und ich kenne auch keinen. Was ich immer mal wieder sehe sind MENSCHEN, große wie kleine, die Handy benutzen. Die treffe ich in der Straßenbahn, auf dem Spielplatz, im Schulgebäude, im Straßencafé und ja, zu Hause.

Und ich persönlich glaube, dass sie alle das Handy aus gutem Grund nutzen: Sie suchen Verbindung, Anerkennung, Wertschätzung, wollen gesehen werden, suchen Unterhaltung. Alles vollkommen menschliche Bedürfnisse, und die sollten wir meiner Meinung nach tunlichst nicht kleinreden, belächeln, ganz im Gegenteil: Lasst uns uns selbst wichtig nehmen, Verantwortung für uns selbst übernehmen und schauen, wie wir für unsere eigenen Bedürfnisse und die unserer Kinder sorgen können. Also lasst uns menschliche Bedürfnisse ernst nehmen. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Und digitale Medien stellen schlicht und ergreifend eine Möglichkeit von vielen dar, sich seine Bedürfnisse zu erfüllen. Nicht mehr und nicht weniger.

5. Leichtigkeit im Sein mit unseren Kindern (und bei der Nutzung digitaler Medien)

Bei mir war es nur lange Zeit so, dass ich mich für die Nutzung digitaler Medien selbst abgewertet habe. Insbesondere dann, wenn ich mit meinen Kindern unterwegs war. Da meldete sich dann kontinuierlich meine Hexenstimme, die mir mitteilte, dass es vollkommen unmöglich ist, was ich hier gerade tue, dass ich mit meinen Kindern spielen MUSS und ihnen meine vollkommene Aufmerksamkeit schenken MUSS.

Ich möchte hier nicht dazu aufrufen, dass wir die Bedürfnisse unserer Kinder ignorieren. Nein. Nein und Noch mal Nein.

Ich möchte, dazu einladen und inspirieren, uns die Leichtigkeit im Sein mit unseren Kindern zu bewahren. Aufmerksamkeit und Zeit, die wir unseren Kindern schenken als etwas wundervolles, verbindendes wahrzunehmen, was wir aufhören mit „Pflicht“ und „Zwang“ zusammen zu denken, sondern mit Hingabe und Beziehung, mit Freude und Leichtigkeit.

Und wenn dann im Beisein der Kinder auch mal das Handy gezückt wird, während diese gerade vollkommen begeistert auf der Schaukel sitzen oder im Sandkisten spielen, dann genau das auch als Selbstfürsorge zu verstehen und uns menschlich gegenseitig mit Toleranz und Respekt zu begegnen. Und DAS wünsche ich mir für große wie kleine Menschen gleichermaßen!

Ich werde in Kürze weiter über dieses Thema posten. Und darüber schreiben:

„Wie ich mit Hilfe digitaler Medien die Beziehung zu meinen Kindern drastisch verbessert habe!“ und

„Was der Umgang digitaler Medien mit meinen Werten zu tun hat“

Written by Verena

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