Viele Menschen, die mich kennen und mich auf meinem Weg derzeit ein Stück begleiten, wissen es: Mein Vater ist im März verstorben.

So sehr es mich beschäftigt, so stark ich trauer, so viel Wachstum und Entfaltungspotential liegt – wie ich finde – in dieser Situation. Es verdeutlicht einmal um so mehr, wie wichtig es ist, dass wir nicht stehen bleiben, das wir uns auf den Weg machen und ich froh und dankbar bin, über jeden, der diesen Weg mit mir geht.

Das Anfang vom Ende

Aber lasst uns von vorn beginnen. Ich habe lange überlegt, ob ich das hier mit euch teile und doch. Ich glaube, das es hilft, den Rücken stärkt, Mut macht.

Mein Vater bekam im Dezember 2018 die Diagnose Leberzirrhose Child B, es ging ihm schlecht. Er hatte viel Wasser im Bauch. Einen Tag nach Weihnachten kam er ins Krankenhaus.

Ich wohne 500km weit weg, es hat mich sehr schockiert. Über Weihnachen, und schließlich auch Silvester war ich in NRW. Ich besuchte meinen Vater im Krankenhaus. Hier zum ersten Mal und in der Zeit bis März häufiger kamen wir zutiefst in Verbindung.
Mein Vater berichtete mir von seiner Kindheit, er erzählte von dem, wie immer alles funktionieren sollte. Er berichtete wie kein Platz für Gefühle war, wie wenig Platz da oft für Beziehung zwischen ihm und seinen Eltern war. Ein Einzelfall? Oder ein Phänomen der Nachkriegsgeneration? Ich glaube inzwischen an letzteres.

Ich las ihm den Artikel „Der Krieg, die Haarer und ich“ von Lena Busch vor (du findest ihn hier). Wir fielen uns weinend in die Arme. Und er erzählte mir von Gedanken wie, dass das Verhalten des eigenen Kindes sich direkt auf den Selbstwert als Vater oder Mutter zurückschlägt.

Ja, und ich fragte mich:

Wie ist das eigentlich? Welche Worte und Gedanken bleiben unausgesprochen? Welche Tränen ungeweint? Wie viel davon steht zwischen uns uns unseren Eltern? Wann und wie können wir zueinander finden? Wie können wir uns aufeinander einlassen, ohne, dass da Schuld und Scham zwischen uns stehen? Gelingt es uns in Verbindung zu kommen mit anderen, vielleicht auch ganz gezielt mit unseren Eltern? Was braucht es damit wir uns unseren eigenen inneren Verletzungen gezielt bewusst werden, uns mit uns selbst verbinden können und somit Beziehung möglich wird?

Und mit der endgültigen Diagnose kam das Nachsinnen…

Ich selbst fuhr Anfang Januar wieder nach Hause. Und harte den Dingen, die da kamen. Mein Vater erfuhr indes verschiedene medizinische Maßnahmen. Schließlich stand Ende Januar die gesamte Diagnose fest:

Leberzirrhose Child C und Leberkrebs.

Heilungschancen nicht vorhanden.

Ich war geschockt. Ich war sprachlos. Mein Vater würde in nicht allzu ferner Zukunft sterben.
Er selbst sprach nie über den Tod. Wollte und konnte das nicht. Es ging vielleicht alles viel zu schnell, vielleicht kam er mit all dem psychisch auch nicht nach.

Ich besuchte meinen Vater im Februar und März öfter. Wir sprachen über so vieles.

Wir sprachen darüber, dass er es scheiße fand, mit 60 festzustellen, dass er so vieles bedauert, was er im Leben „verpasst“ hat, dass er Möglichkeiten nicht ergriffen hat. Er sagte, dass er wüsnchte, dass er so manches mal mehr Zeit mit seiner Familie verbracht hätte. Er erzählte von seinem Vater, der im Sterbebett gesagt hatte, dass er gedacht hätte, da käme noch so viel mehr. Und mein Vater brach in Tränen aus und sagte: „Aber er hatte doch vier Söhne. Was genau wollte er denn noch mehr?“

Wir haben nur das Hier und Jetzt

Mir ist in all dieser Zeit nur noch einmal um so deutlicher bewusst geworden, dass wir nur das Hier und Jetzt haben. Das ganze Leben ist ein Prozess und wir wissen einfach nicht, wann unser Ende kommt. Wir tun oft so, als könnten wir die Zukunft voraus sehen und im Nachgang gehen wir davon aus, dass wir xyz doch hätten voraussehen können. Aber genau das ist, wie ich finde nicht wahr. Wir haben meiner Meinung nach die Wahl, ob wir im Vertrauen auf das was kommt oder in Angst handeln. Die haben wir Hier und Jetzt. Wir können uns jederzeit neu ausrichten. Hiernach entscheidet sich wohl, ob ich mich letztlich für Erziehung oder gegen sie entscheide, ob ich mich in Vertrauen für Selbstbestimmung meines Kindes entscheide oder gegen sie.

Was es wohl war, auf das mein Opa da gewartet hat? Das werde ich nicht erfahren. Vielleicht ist es auch nicht so wichtig. Es zeigt mir jedoch, dass er mit dem, was WAR, nicht im Einklang gewesen sein mag, dass vielleicht eine rundum zufrieden stellende Erfüllung eigener Bedürfnisse gefehlt hat? Vielleicht war es die Erkenntnis, die gefehlt hat, dass das was er sucht, nicht im außen zu finden ist, sondern in ihm? Und vielleicht ist es genau das, was unser Leben lebenswert macht? Das wir mit uns selbst in Verbindung sind, und das genau dann auch Beziehung möglich wird?

In Verbindung mit mir selbst oder der Tod meines Vaters

Mein Vater ist am 21. März 2019 gestorben. Zu diesem Zeitpunkt war ich zutiefst mit mir selbst in Verbindung. Ich habe meine Gefühle nicht negiert und auf das, was in mir lebt Rücksicht genommen. Sie wurden von mir nicht abgetan, ala stell dich nicht so an, das ist doch albern. Ich habe mich selbst ernst genommen. Und dann bin ich zu ihm gefahren, obwohl ich rational nicht hätte sagen können, dass es das letzte Mal sein würde, das ich ihn sehe, und dass das meine Chance war von ihm Abschied zu nehmen. Ich möchte euch hier gerne an meinem Tagebucheintrag von diesen beiden Tagen teil haben lassen:

Der Mittwoch

Am Mittwoch nach der Schule kam eine Kollegin von mir auf mich zu und meinte „Hey, wie schaut’s aus? Wie geht’s dir?“ Ich erzählte ihr von meinem Vater, der jetzt Wasser in der Lunge hat und das ich so hin und hergerissen bin, dass ich jetzt noch ein paar wichtige Dinge auf der Arbeit zu erledigen habe. Und das ich gleichzeitig eigentlich sofort zu meinem Vater will, ich mir große Sorgen mache. Nun sie redete auf mich ein, sagte mehrfach, dass ich jetzt sofort los fahren soll, dass der ganze Schulkram doch warten könne, dass das doch keine Rolle spiele. Sie meinte „LOS! AUF! Fahr! Ich mache hier alles dicht.“

Ich habe dann noch ne Stunde gearbeitet, dann bin ich nach Hause gefahren. Meinte zu meinem Mann, ach, wir fahren einfach morgen, passt schon. Er nahm dann unsere Kleine ins Tragesystem und ging mit ihr raus, damit sie einschlief. Ich saß dann da und wurde innerlich immer unruhiger, sprang plötzlich auf, bin zu meinem Mann und meinte, Nein. Wir fahren jetzt. Sofort. Er war ein bisschen grummelig, weil er meinte, es ist jetzt schon halb 5, wir kommen mitten in die Schlafenszeit der Kinder rein. Muss das jetzt sein? Ich zuckte mit den Schultern und meinte, Ja. Wir haben also alles sehr schnell zusammen gepackt, haben die Kinder fertig gemacht und sind los… es war eine ziemlich lange Autofahrt und für die Kinder und uns anstrengend. Abends um 20:30 Uhr waren wir da. 

Der Donnerstag….

Am Donnerstag früh meinte meine Mutter zu mir, sie dachte schon heute früh käme der Anruf, dass es vorbei sei. Sie wünsche mir viel Freude bei meinem Vater. Ich fuhr los. Mein Mann und meine Kinder blieben bei meiner Mutter. Ich kam im Krankenhaus an. Und hatte mir das recht genau ausgemalt. Ich würde mich zwei Stunden mit meinem Vater unterhalten, dann dort in die Mensa gehen und ihn dann noch mal zwei Stunden sehen. …. Und dann sollte es so anders kommen.

Ich kam in das Zimmer meines Vater und wusste sehr genau, dass das nicht mehr lange geht. 

Ich war mit ihm allein. Völlig überfordert. Mit allem hatte ich gerechnet, aber nicht damit, dass es jetzt SO schnell geht, mein Vater akut im Sterben liegt.  Ich brach in Tränen aus und meinte oh mein Gott, Papa, du wirst nicht sterben, du wirst für immer in meinem Herzen bleiben.  Ich bin dir so dankbar, für alles. Danke Papa. Da wurde er sehr unruhig. Mit aller Kraft zog er seine Hand aus der Bettdecke hervor und reichte sie mir. Nahm meine Hände in seine. Ich sprach, keine Ahnung über was, darüber wie dankbar ich ihm bin. Er riss die Augen auf, bewegte den Kopf als ich ihn fragte, ob er mich hört. Dann wurde er wieder ruhiger.

Ich sagte ihm, dass ich gleich wieder da bin. Verließ sein Zimmer, schrieb ne WhatsApp Nachricht, dass irgendwer bitte sofort kommen soll, war nur noch am weinen. Ich bin dann auf die Ärztin gestoßen. Sie meinte, dass sie gerade die Angehörigen kontaktieren wollte, dass sein Atem noch sehr kämpferisch sei und sie von morgen ausginge…. sie ginge jetzt aber noch mal rein und würde mir dann sagen, wie es aussieht, ich nickte nur. Schrieb auch seine Brüder an.

Die Ärztin kam wieder und teilte mir mit, dass es jetzt rapide am schlechterwerden sei und sie nicht mehr von morgen ausginge. Es tät ihr leid. Ich zitterte, weinte, keine Ahnung. Ich war echt fertig. Hatte unheimliche Kopfschmerzen. Ich brauchte nen Moment bis ich mich wieder gefangen hatte, dann bin ich wieder zu ihm, sprach und sprach und sprach mit ihm… irgendwann kam eine Palliativschwester und setzte sich zu mir. Ich war dankbar nicht alleine zu sein. Wir unterhielten uns über meinen Vater. Ich flehte meine Geschwister an schneller zu fahren.

Sein Atem wurde immer ruhiger und ich dachte… okay. Ich bin jetzt die Letzte, die noch bei ihm ist. Es geht jetzt zu Ende. Dann kamen meine Geschwister, meine Mutter. Es war inzwischen halb 12. Sie lösten mich ab. Ich brauchte erst mal nen Moment. Es war mir auch zu viel, alle jetzt plötzlich um mich zu haben. Meine Mutter hatte auch nen Moment alleine mit meinem Vater. Nun. Ich weiß nicht genau wie es dann weiter ging, mal war ich bei ihm, mal wieder draußen. Ich stand ziemlich neben mir. Die Atemabstände wurden immer länger, bis er schließlich aufhörte zu atmen.

Es war halb 1. Er ist im Kreise seiner Familie verstorben. Jeder so wie er konnte, jeder so wie es für ihn gut war, war bei ihm. Es ging so extrem schnell. Und in all diesem Schmerz, mischt sich auch die Dankbarkeit dafür, das erlebt haben zu dürfen. Ihm noch so viel wichtiges mit auf den Weg gegeben zu haben, mich verabschieden zu können. Auf mein Herz gehört zu haben. 

… Ich wäre zu spät gekommen, wenn wir am Mittwoch nicht gefahren wären.
Er hat so lange auf die Immuntherapie gehofft, er war stets so enttäuscht, wenn die Ärzte das wieder verschoben haben, er war sich schließlich so sicher in dem Krankenhaus bleiben zu wollen, wir sollten ihn in Ruhe lassen mit Hospiz, Palliativstation etc. er wollte auch ausdrücklich keine Prognose hören, wir sollten ihm seine Hoffnung lassen. Samstag bekam er die Immuntherapie und die Hoffnung auf die Immuntherapie starb. Und damit auch mein Vater. 

Alles hat seine Zeit

Und das heißt auch, dass alles Zeit braucht. Es kommt immer und immer wieder hoch, die Trauer bahnt sich regelmäßig ihren Weg, ich werde noch lange brauchen, um es zu realisieren, verarbeiten, um zu trauern. Die Anspannung der letzten Wochen lässt langsam nach, gleichzeitig die Fragen… WARUM, es ging alles so schnell… 3 Monate von einigermaßen noch fit bis verstorben. Das Annehmen fällt so unglaublich schwer.

Und in all dieser Schwere ist da die Dankbarkeit, dass es meinen Vater gab, und ich zum Schluss erkennen konnte, wie wichtig ich ihm sein Leben lang war, es nur selbst nicht annehmen konnte. Ich glaube, er hat Wege gesucht es mir zu zeigen, und es gab die Momente, da hat er sehr deutlich die Verbindung zu mir gesucht, aber mein inneres verletztes Kind hat es allzu oft, allzu rigoros abgelehnt, konnte nicht sehen, wie wichtig ich meinem Vater in all der ganzen Zeit war. In all dem Schmerz steckt auch Heilung.

Vielleicht ist Hier und Jetzt auch für dich der Zeitpunkt für dich gekommen, einen kurzen Moment inne zu halten, deinen Kompass auszurichten und dich zu fragen, ob das, was du momentan tust, ob das was deinen Alltag bestimmt, das ist, was du leben möchtest? Bist du der, der du WIRKLICH bist? Wie stark orientierst du dich am außen? Und was für Glaubenssätze limitieren dich? Richtest du dein Leben bereits nach deinen Werten aus? Bist du auf dem Weg?

Oder ist vielleicht der Zeitpunkt da, Hier und Jetzt aufzustehen?
Dein Leben zu leben, Beziehung zu gestalten und zu heilen?

Written by Verena

    1 Kommentar

Leave a Comment