Schule? – Was muss, das muss!

Ich bin Lehrerin und ich meine das ernst. Dein Kind muss nicht zur Schule gehen. Im Alltag begegnen mir die nachfolgenden Aussagen in allen möglichen Varianten. Da sagen Kinder mir: „Schule ist halt scheiße, aber ich muss da hingehen!“ Vor gar nicht allzu langer Zeit höre ich einen Vater zu seinem Kind sagen: „Das hier ist der Knast, in den du die nächsten Jahre gehen wirst!“

Und auch ich selbst bekam als Kind zu hören: „Du musst zur Schule gehen, sonst kommt die Polizei und nimmt Mama und Papa mit!“

Ich erinnere mich noch sehr gut daran, seufzte und ging halt zur Schule, wie man das halt so macht. Heute frage ich mich, aus welcher Motivation heraus ich das damals getan habe. Sicher nicht aus Freude am Lernen, aus der Begeisterung heraus, mir das Wissen der Welt anzueignen, aus Inspiration heraus, mit der Intention mein Potential zu entfalten.

War es nicht viel mehr Angst, die mich in die Schule trieb? Die Angst meiner Eltern? Und wer trägt hier die Verantwortung für das Wohlergehen des anderes? Ist es hier nicht vielmehr so, dass das Kind die Angst der Eltern bedient? Schulzwang ist zum Scheitern verurteilt. Die Freude am Lernen erlischt mit jedem weiteren Schultag und Erstklässler, die sich auf die Schule gefreut haben, werden zu Jugendlichen, die nach 10,11,12 oder 13 Jahren Schulen stöhnen. Eltern und Jugendliche sind dann gleichermaßen froh, dass dieser Zwang endlich ein Ende gefunden hat. So traurig. So wahr.

Aber ist das denn wirklich wahr? Muss dein Kind in die Schule gehen?

Alles im Leben ist eine Entscheidung

Ich glaube, die Wahrheit aus deiner Sicht als Mama oder Papa ist: Ich will, dass mein Kind zur Schule geht, deshalb muss es gehen. Hier liegt die Verantwortung dort, wo sie hin gehört. Und ich glaube dir, dass du gute Gründe dafür hast, warum du willst, dass dein Kind zur Schule geht. Da sitzen tiefgreifende Glaubenssätze und Ängste in dir:

„Aus meinem Kind wird nichts!“

„Wenn mein Kind den Schulabschluss nicht schafft, wird es in der Gosse enden.“

„Manches im Leben muss halt eben!“

„Wer will schon freiwillig lernen, wenn man ihn nicht dazu zwingt? Ich muss mein Kind doch zwingen!“

Diese Liste könnte ich unendlich lang weiter führen. Ich sehe die Ängste, die da hinter stecken und ich verstehe, wo das her kommt. Und gleichzeitig bitte ich dich, da ehrlich hin zu schauen: Ja, dein Kind muss. Dein Kind muss, weil du willst. Ich weiß, dass als nächstes schnell die Argumentation der Schulpflicht folgt. Und deshalb muss dein Kind eben doch und dir sind die Hände gebunden? Es gibt keinen anderen Weg, sagst du?

Nun, es gibt Freilerner, du könntest dich mit den Behörden auseinander setzen, du könntest auf Reisen gehen, du könntest dein Kind krank melden. All das möchtest du nicht? Das ist okay! DU bist okay! Nur plädiere ich bei der Wahrheit zu bleiben, dass es deine Entscheidung ist, dass dein Kind zur Schule gehen muss.

Kinder sind keine kleinen Monster, die faul auf der Haut liegen und nie lernen würden, würde man sie nicht zwingen

Ich möchte indes dazu einladen, deinen Blick auf dein Kind zu hinterfragen. Ist es wirklich ein kleiner Tyrann, der im Grunde nur auf der Couch liegen würde (HEY! Und auch von der Couch aus lässt es sich lernen 🙂 ), sich für alles nen scheiß Dreck interessieren und nicht lernen würde, wärst da nicht du, der ihm sagt, dass es zur Schule gehen muss und es dazu zwingt? Eigentlich könnte dein Kind statt widerwillig auch einfach dankbar sein, dass du so um seine Zukunft bemüht bist und es täglich zur Schule zwingst?

Noch dazu: Dir ist ja selbiges widerfahren und deine Eltern mussten das ja tun, im Grunde solltest du ihnen aus tiefem Herzen dankbar sein und überhaupt – der Schmerz, den du erlitten hast, in dem du zur Schule gehen musstest, wird ja nicht umsonst gewesen sein? Oh du Liebe! Nimm dein inneres verletztes Kind einen Moment lang selbst in den Arm. Lass den Schmerz zu.

… Nein, du hättest nicht zur Schule gehen müssen. Du hättest eingeladen werden können, dir hätte Vertrauen geschenkt werden können. Vertrauen darin, dass du, wie jeder andere Mensch auch,

      • lernen WILLST und Lernen dabei nicht auf einen bestimmten Ort beschränkt ist
      • deine Stärken und Fähigkeiten in dir trägst und das wundervoll ist, dass DU Begabungen besitzt, die du entwickeln und entfalten möchtest
      • zu jederzeit dein Bestes gibst

„In Wirklichkeit trägt das Kind den Schlüssel zu seinem rätselhaften, individuellen Dasein von allem Anfang in sich. Es verfügt über einen inneren Bauplan der Seele und über vorbestimmte Richtlinien für seine Entwicklung. Das alles aber ist zunächst äußerst zart und empfindlich, und ein unzeitgemäßes Eingreifen des Erwachsenen mit seinem Willen und seinen übertriebenen Vorstellungen von der eigenen Machtvollkommenheit kann jenen Bauplan zerstören oder seine Verwirklichung in falsche Bahnen lenken.”
(Maria Montessori)

Ich glaube in Wirklichkeit strebt dein Kind, genau so wie du und jeder andere Mensch danach zu lernen, sich die Welt zu erschließen. Hat es nicht ohne jegliche Institution krabbeln, sitzen, laufen, sprechen, singen, klettern, rutschen, schaukeln GELERNT? Und wer sagt, dass dein Kind nicht all die Dinge lernen wird, die es für sich im Leben braucht? Vertrauen oder Angst. Letztlich  gibt es diese beiden Wege.

Und nun? Ist Schule dann grundsätzlich scheiße?

Kurz: Nein.

Verkommt Schule zu einem Ort, an dem keiner sein will, an dem sich große und kleine Menschen deshalb aufhalten, weil große Menschen glauben, dass kleine hier sein müssen und große Menschen kleine Menschen zur Leistungserbringung zwingen, dann hinterlässt mich das sehr traurig und nachdenklich.

Wollen wir das wirklich? Sind wir – Eltern und Lehrer – tatsächlich noch bereit diesen Preis zu zahlen? FÜR WAS?

Ich glaube es kann ganz anders sein. Ich glaube, Schule kann als Ort verstanden werden an dem

      • Vertrauensbildung statt findet
      • tiefe, echte Beziehungen gelebt und Verbindung erfahren werden kann
      • friedvolles MITeinander gelebt werden kann
      • Fehler gefeiert und als Chance verstanden werden können, Veränderungen zu bewirken
      • Menschen sich in Selbstverantwortung üben können
      • Menschen eingeladen werden, ihr Potential zu entfalten und sich das Wissen der Welt anzueignen
      • Bildungsangebote gemacht werden

Dann glaube ich aus vollem Herzen, dass Schule ein Ort sein kann, den große und kleine Menschen aus Leidenschaft aufsuchen. Und genau DAS finde ich wundervoll! Das ist meine Vision! Deshalb bin ich Lehrerin geworden.

Ich glaube, dass es in Deutschland rechtliche Rahmenbedingungen gibt, die es Schulen erschweren genau das zu sein, was sie meiner Meinung nach sein sollte und dazu gehört für mich die Schulpflicht.

Nichts desto trotz – ich weiß, um die vielen freien Schulen, die sich auf den Weg machen, genau ein solcher Ort sein zu wollen. Die einladen, begeistern, inspirieren wollen. Und dafür bin ich von Herzen dankbar. Ich weiß auch, dass es Menschen im staatlichen Schulsystem gibt, die solche Inseln schaffen wollen, das System von innen heraus verändern wollen. Ich sehe euch! Das bewegt mich. Das macht etwas mit mir. Wenn große Menschen kleine Menschen Bildungsangebote machen, wenn große Menschen kleine Menschen Seite an Seite stehen, berührt und begeistert mich das.

DAS FEIER ICH!

Und ich glaube, dass wir alle gleichermaßen eingeladen sind, Verantwortung zu übernehmen. Ich glaube, dass jeder für sich beginnen kann, sich auf den Weg zu machen, Schule, Kindheit, MenschSEIN neu zu denken. Du und Ich. Hier und Jetzt.

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Und wo stehst du? 

Weiterführendes zum Thema:

Was Schulpflicht und Zwangsheirat gemeinsam haben

Warum die Schulpflicht menschenunwürdig ist – ein Rant (Ruth von Der Kompass)

Film zum Thema Lernen / Freilernen / Schule von Wildnisleben

„Liebes“ Bildungssystem – ich vertraue dir mein Kind nicht mehr an … (Wildnisleben)

Written by Verena

    3 Kommentare

  1. Miriam 30. April 2019 at 15:09 Antworten

    Danke für diesen schönen und klaren Artikel. Das erste was ich von dir lese.. und es gefällt 🙂 Und es passt gerade so gut rein, denn mein großer Sohn wird nächsten Sommer schulpflichtig Und ich bin mitten in der Überlegung, was unser Weg sein wird.

    • Verena 1. Mai 2019 at 08:09 Antworten

      Liebe Miriam ❤️, ich danke dir sehr für deinen Kommentar. Zu lesen, dass sich immer mehr Eltern auf den Weg machen, bestehende Systeme reflektieren und kritisch hinterfragen, das bewegt mich. Meine Tochter wird in zwei Jahren schulpflichtig. Ich bin sehr gespannt an welchem Punkt meiner Entwicklung ich zu dem Zeitpunkt stehe 🤗.
      Erzähl doch mal wie es bei euch und deinem Sohn weiter ging, das würde mich sehr interessieren.
      Liebe Grüße Verena

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