Wie ist das eigentlich mit dem Verbieten? Wann MUSS ich meinem Kind etwas verbieten

Ich erinnere mich noch gut an einen Punkt im Laufe meiner Lehramtsausbildung an dem ich dachte, was genau muss ich Kindern im Schulalltag eigentlich verbieten und was nicht und woher weiß ich, dass dem so ist? Gibt’s da irgendwo ein Handbuch dafür, eine Anleitung, eine Methode? Ich erwartete Studium Handreichungen mit an die Hand zu bekommen wie ich mit „schwierigen“ Schülern umgehen könnte, ähnlich einer Bedienungsanleitung für Geräte.

Puuhhhh, ja, REALLY? Heute, an einem Punkt an dem ich so viel mehr mit mir selbst in Verbindung bin, nehme ich mich dafür innerlich selbst in den Arm, tröste mein inneres verletzte Kind und bin von Herzen dankbar, auf diese Frage im Studium keine Antworten, oder hmmm…. tja, anders als erwartet? bekommen zu haben. Im Studium behandelten wir Themen wie

          •  Lernen in Beziehungen
          • Konstruktivismus
          • Humanismus (einschließlich Carl Rogers)
          • Bedürfnispyramide von Maslow
          • Kongruenz, Authentitzität, Aufrichtigkeit
          • Begleitung von Klienten

Alles schön und gut und für die Couch beim Therapeuten sicherlich spannend, auch im Rahmen eines Coachings. Aber wirklichkeitsbedeutsam, Hier und Jetzt, in MEINEM LEBEN? No way…

Und dann bekam ich Kinder und mein Leben änderte sich von grund auf.

Was haben die Themen aus dem Studium also mit friedvoller Elternschaft zu tun und dem, was ich meinen Kindern verbieten muss und was nicht?

Zunächst … und ich werde nicht müde es zu betonen: Du musst gar nichts.

Du MUSST deinem Kind nicht verbieten, die Glasscheibe beim Nachbarn einzuwerfen. Es MUSS ihm NICHT VERBOTEN werden, das Auto beim Nachbarn mi Stöcken zu zerkratzen, du MUSST ihm nicht verbieten die Schwester oder den Bruder zu hauen. Du MUSST dein Kind NICHT schimpfen, du MUSST es NICHT bestrafen. Nee. Du MUSST gar nichts. Alles im Leben ist eine Entscheidung.

Ich gehe allerdings davon aus, dass du nicht WILLST, dass die oben genannten Beispiele geschehen und, dass du dafür sehr gute Gründe hast. Angesichts dessen, dass die Scheibe vom Nachbarn kaputt sein könnte, das Auto zerkratzt oder das Geschwisterkind am Weinen ist, weil es gehauen wurde, werden unterschiedliche Gefühle in dir geweckt. Möglicherweise bist du frustriert, traurig, verzweifelt, entsetzt, empört, bestürzt. Da sind eine Reihe unerfüllte Bedürfnisse in dir, das nach Sicherheit, Anerkennung, Harmonie, Verbindung. Und das ist okay und ich plädiere hier aus vollem Herzen dafür, dass du dich und deine Gefühle und Bedürfnisse ernst nimmst, dass du für dich sorgst (lies dazu auch hier)

Und dann sieh dein Kind an. (Ganz, ganz ehrlich, sieh mit deinem Herzen) Was siehst du in ihm? Wer steht da vor dir? Ein kleiner Tyrann, der nur darauf gewartet hat, dir zu schaden und endlich eine gute Gelegenheit dazu gefunden hat?

Oder ein Kind, ein Mensch, der die gesellschaftlichen Konventionen noch nicht alle kennt, das nicht möchte, dass es seiner Mama oder seinem Papa schlecht geht, dass verstehst, dass das was da nun offensichtlich geschehen ist, keine gute Idee war, jedoch nicht mit dem Ziel seitens des Kindes durchgeführt worden ist, irgendwem bewusst schaden zu wollen, dass nun erlebt, dass e keine gute Idee war, seinem Entdeckungsdrang auf diese Art und Weise auszuleben.

Und was für Möglichkeiten habe ich, wen ich mich entscheide mit mir selbst und meinem Kind in Verbindung zu treten und mein Kind als Menschen wahr zu nehmen, (und das ist angewandter Konstruktivismus), hinter sein Verhalten zu blicken?

Nun, der erste Schritt wäre, das ich nicht mehr zu schimpfen (lies dazu auch hier ❤️) oder strafen brauche. Das löste keine Probleme, es ändert rein gar nichts und es entspricht nicht meinen Werten. Was also statt dessen?

Die Welt hinter Erlauben und Verbieten – Lernen in Beziehungen

Gelange ich auf die oben beschriebene Art und Weise mit mir selbst in Verbindung und dann auch mit meinem Kind für dessen psychische und physische Gesundheit ich die volle Verantwortung trage ebenso wie ich für die Beziehungsqualität zwischen meinem Kind und mir verantwortlich bin, dann gelingt es mir auch outside the box zahlreiche Lösungen für uns zu finden.

Da MUSS ich meinem Kind tatsächlich nicht mehr VERBIETEN, die Scheibe des Nachbarn einzuschlagen. Ich kann mich ausdrücken.

„Mein Schatz, ich befürchte, dass der Nachbar sehr verärgert sein könnte, wenn wir die Scheibe des Nachbarn mit Steinen einschlagen. Ich WILL das nicht. Und gleichzeitig sehe ich dich. Ich verstehe, dass du die Welt entdecken möchtest und finde das wundervoll. Komm, wir finden gemeinsam eine Lösung dafür, wie du deinen Entdeckungsdrang so befrieden kannst, dass es keinem anderen schadet. Hast du eine Idee?“

Und dann begebt euch gemeinsam auf Lösungssuche.

Hier ein paar Ideen und ich bin mir sicher jedem Einzelnen würden an dieser Stelle noch zig eigene Lösungen einfallen:

      • die Steine ins Gebüsch werfen und oder vielleicht ins Wasser und beobachten, wie sie auf die Wasseroberfläche aufkommen, was für Geräusche sie machen?
      • in den Wald gehen und dort seinem Entdeckungsdrang freien Laufen lassen?
      • ein altes Glas (wenn ihr sowas da habt?) nehmen und den Stein dagegen werfen?
      • statt einem Stein, weiche Gegenstände gegen das eigene Fenster oder die Hauswand werfen?

Es geht darum, EURE Lösung zu finden, die – mit der DU und DEIN Kind glücklich sind.

Dein Kind möchte genau so wenig wie du irgendeinem anderen Menschen schaden. Der Mensch ist in sich sozial, er braucht die Gruppe und er wird immer auf sie ausgerichtet sein und kooperieren WOLLEN. Vertrau DU deinem Kind. Und darüber hinaus bildet das die Realität wundervoll ab, es gibt 999.999 und noch viel, viel, viel mehr Möglichkeiten. Finde DU die Lösung, die deinem Kind und dir entspricht, die für euch so passt, dass alle Bedürfnisse gesehen und geundet werden.

Dein Kind bieten sich indes wundervolle Lernchancen, es lernt

      • meine Mama oder mein Papa, interessieren sich für mich
      • wie wundervoll es ist, gesehen und verstanden zu werden
      • Eigenverantwortung zu übernehmen und die riesen Chance kennen, sein Leben selbstverantwortlich in die Hand zu nehmen
      • dass es unendlich viele Möglichkeiten und Strategien gibt, sich seine Bedürfnisse zu erfüllen
      • in seinem Leben nichts tun zu MÜSSEN, und es einfach SEIN darf
      • dass es nicht in erlernte Hilflosigkeit verfallen braucht

Was für eine wundervolle einmalige Chance, wenn ich aufhöre, Elternschaft in Kategorien wie richtig und falsch, schwarz und weiß, Ja und Nein, Erlauben oder Verbieten zu denken.

Was tun, wenn ich erahne, was für zahlreiche Möglichkeiten mir plötzlich offen stehen, was für Veränderung möglich ist, aber ich mir Unterstützung für meine ersten Gehversuche rein in eine Welt außerhalb der bislang erlernten Verhaltensweisen wünsche?

Ich brauchte wirklich lange, ehe ich von der Theorie in der Uni hin zur Erkenntnis kam, was DAS eigentlich für meinen Alltag bedeutet und dann in den Prozess kam das auch tatsächlich ZU LEBEN. All das hat Jahre gedauert, hat mich viel Energie gekostet, Zeit, tatsächlich auch Geld (Therapien und Coachings, in Form von wundervollen, unglaublich unterstützenden Gruppen auf FB), Geduld, und ist wohl letztlich ein nie endender Prozess.

Ich glaube es ist einfach wichtig, dass wir unendlich liebevoll und geduldig mit uns selbst sind, dass wir die Vorstellung, wenn wir uns nur genügend anstrengen und uns selbst unter Druck setzen geht es schneller, los lassen, dass wir uns selbst vertrauen. Und dann glaube ich, dass du dir – wenn die Zeit reif ist und du spürst, dass es dir gut tut – auch Begleitung holen darfst. Ich halte es kein Zeichen für Schwäche, sich für sich selbst passende Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ganz im Gegenteil. Ich halte das für mutig und unglaublich verantwortungsvoll. Ich feiere jeden, der diesen Schritt geht und zu sich steht.

Wie ist das denn bei dir? Was hat dir geholfen / hilft dir, diesen Prozess zu gehen und zu gestalten?

Written by Verena

    2 Kommentare

  1. Dresden Mutti 26. Februar 2019 at 17:44 Antworten

    Ein wirklich toller Beitrag. Ich denke, man lernt nie aus und muss immer wieder neu herausfinden, was einen als Familie glücklich macht. Wichtig ist tatsächlich, sich von Konventionen lösen zu können.

    • Verena 27. Februar 2019 at 06:00 Antworten

      Ja, ich hab für mich die Erfahrung gemacht, dass es unglaublich befreiend ist, dass ich mich auf die Suche nach meinen Glaubenssätzen gemacht habe, mich von „man muss aber“ und „das macht man nicht“ innerlich verabschiedet habe. Und ich habe die Erfahrung gemacht wie bereichernd und verbindend es ist, wenn ich bei mir bleibe, mich und meine Gefühle ausdrücke und mich dann empathisch auf mein Gegenüber einlassen will, was bei meinen Lieblingsmenschen definitiv der Fall ist 🙂

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