Verzweiflung. Überforderung.

Ich kenne das. Da hab ich zum x-ten Mal gesagt, meine Tochter soll NICHT ihre dreckigen Hände am Kopfkissen abwischen. Und überhaupt… ich habe schlecht geschlafen, tue ALLES für meine Kinder und was ist der Dank dafür? Dreckige Kopfkissen, Schokoflecken auf dem Sofa, überall Spielzeug und natürlich so, dass ich geradewegs drauf latsche. Ein ganz normaler Alltag eben. Mit Kindern. Da stehe ich also an dem Punkt an dem ich verzweifelt denke:

„JETZT REICHT ES EIN FÜR ALLEMAL.
Jetzt ist gerade einfach mal Schicht im Schacht und überhaupt…
ICH bin doch nicht der Diener meiner Kinder.
Geht’s eigentlich noch? ICH KANN NICHT MEHR. HÖRT SOFORT AUF!“

 

Ich bin verzweifelt. Überfordert. Enttäuscht. Frustriert.

 

Gefangen in der Opferrolle

Weißt du, ich verstehe das. Ich kenne das. Und ich hab da tiefes Mitgefühl. Ich beobachte in der Schule Kollegen, die Schüler anbrüllen mit den Worten

 

„ICH BIN DOCH NICHT EURE KAMMERZOFE!“

„Der soll jetzt verdammt noch mal halblang machen. Es reicht jetzt ein für allemal.“

„Es ist doch verdammt noch mal scheiße, dass xyz macht was er will. Ich leide unter ihm.“

 

Ich sehe immer wieder Eltern, die ihre Kinder schimpfen, ala

 

„Dieses Kind ist so verdammt undankbar.“

„ Ich kann nicht mehr. Mein Kind ist schrecklich.“

„Ich tue doch alles für meine Kinder und trotzdem reicht es einfach nie aus.“

 

Alternativ zu Kindern bietet sich da auch allzu gut der unfaire, unverständnisvolle Ehemann an, Flüchtlinge, Arbeitslose, Politiker, Schwiegereltern, Trump usw. usf.

 

Da begegnen mir Aussagen wie,

„eigentlich wäre ich ja ein ganz friedlebender Mensch,
aber leider geht, das nicht, weil xyz so ist wie er ist.“,

 

„Im Grunde genommen wäre ich ja eigentlich beruflich schon an einem ganz anderen Punkt, wenn die Flüchtlinge nicht wären…“
(JA! Ich empfinde da durchaus einen neuen rechten Wind in unserer Gesellschaft wehen),

 

ich könnte die Aussagen beliebig weiter führen. Es endet nicht. Gefühle, die da indirekt zum Ausdruck kommen sind Hilflosigkeit, Ohnmacht, Überforderung, Traurigkeit, Frustration. Gefangen in der Opferrolle.

Und mir selbst fällt auf, wie oft ich mich einerseits selbst noch in die hilflose passive Rolle flüchte, mich für das Leiden entscheide. Daneben sehe ich andererseits, wie wie viel Weg ich bereits in Richtung Selbstverantwortung gegangen bin. Ich bin glücklich, wenn mir inzwischen auffällt, dass ich mich doch wieder einmal für die Opferrolle entschieden habe. Eine Rolle, die mir zwar kurzfristig meine Bedürfnisse erfüllen mag, langfristig jedoch nur dazu führt, dass ich weiter leide. Und mit mir ganz insbesondere meine Kinder. Das ist die Tragik an der Situation.

Ich begebe mich in dem Moment, in dem ich derartig aus der Verbindung mit mir selbst und dann auch mit meinen Kindern falle und mich zum Opfer mache, aus der Verantwortung. Ich leide und bin gelähmt. Mein Kind wird zum Täter. Die Realität wird vollkommen verzehrt.

Das Ding ist: Ich bin ein gestandener Erwachsener. Ich verfüge über kognitive, finanzielle, soziale, physische und psychische Fähigkeiten, um mir meine Bedürfnisse selbst zu erfüllen. Ich bin als Erwachsener stets in der Verantwortung und es ist nicht die Aufgabe meines Kindes für mich zu sorgen, sondern vielmehr meine für seine psychische und physische Gesundheit zu sorgen. Meine Gedanken gaukeln mir da meiner Meinung nach eine Realität vor, die de facto nicht wahr ist und die meinem Kind eine Aufgabe zuschieben, die es nicht in der Lage ist zu übernehmen.

„Wir entscheiden uns, ob wir uns als Opfer fühlen. Es findet alleine in unseren Gedanken statt. So zynisch es auch klingen mag, schließlich wird vermutlich jeder sagen: „Ich will ja gar nicht leiden! Aber…“, aber es sind unsere Urteile und Beschuldigungen im Kopf, die uns in die Falle der Opferrolle hineintappen lassen. Das tyrannische Kind, die blöde Schwiegermutter, der gemeine Ehemann, der Arbeitgeber, die Unternehmenskultur, die Gesellschaft, die Politik… Sie sind Schuld am eigenen Schicksal und am eigenen Leid. So unser ganz persönlicher Film, wenn wir in der Opferrolle gefangen sind. Wir geben dabei unsere Macht ab […]. Verzweiflung, Überforderung und Hilflosigkeit machen sich breit.“ (Aida S. de Rodriguez 2016)

Warum flüchten sich dennoch so viele Erwachsene in die Opferrolle

Ich glaube, dass es verschiedene Gründe gibt, warum sich Erwachsene in die Opferrolle flüchten. Es ist oftmals eine lang angelernte Strategie der Bedürfniserfüllung, und altbekannte Verhaltensmuster zu überwinden, dauert Zeit und kostet Energie. Wir sind uns oftmals gar nicht darüber bewusst, dass alles im Leben eine Entscheidung ist und wir uns auch ganz bewusst und aktiv gegen das Leid entscheiden könnten. Zu tief in der Opferrolle gefangen, brauchen wir unter Umständen auch Begleitung in Form von Coachings, Psychotherapien etc. um zurück in die Selbstverantwortung zu gelangen. Das ist okay. Dann ist es aber eben auch an uns, dies in Anspruch zu nehmen. Der erste Schritt, die Verantwortung zu uns zurück zu holen, wo sie hingehört. Wundervoll!

Was für Bedürfnisse erfüllt uns die Opferrolle?

Ich glaube, dass sie da Bedürfnis nach Verbindung erfüllen kann. Gemeinsam mit anderen zu leiden gehört eigentlich schon zum common sense. Und Gründe weshalb wir leiden könnten, lassen sich schnell finden. Oben habe ich ja schon ein paar genannt. Alternativ bietet sich da auch das Wetter, die Gesellschaft, der eigene Gesundheitszustand etc. pp an und gemeinsam kommt man dann (nachdem gemeinsam gelitten wurde) zum Schluss, was muss das muss, so ist das Leben, hach ja, es hat wohl jeder so seine Wehwechen. In Lehrerzimmern wird gemeinsam gelitten, wie schrecklich und nervtötend die Schüler sind, in den Nachrichten findet sich eine Schreckensnachricht nach der anderen.

Und manchmal kommt es mir so vor, als sei ich ein Alien, wenn ich mich nicht klagend über meine Kinder beschwere. Da bin ich der Störenfried, wenn ich sage, dass ich unser Familienleben im Großen und Ganzen sehr genieße und dankbar darüber bin, Mama zu sein und meine Kinder ins Leben begleiten zu dürfen.

Darüber hinaus werden wir in unserem Leid gesehen, wir erhalten Anerkennung, Wertschätzung und Empathie. Wir werden gesehen. Alles wesentliche Bedürfnisse eines jeden Menschen.

Schließlich entbindet es uns aus der Verantwortung uns mit uns selbst auseinander zu setzen. Der Fehler wurde ja im anderen gefunden, sprich, es besteht kein weiterer Anlass darüber nachzudenken, dass ich hier gerade vielleicht in die Selbstreflexion kommen und über mich selbst lernen darf. In der Opferrolle zu verbleiben, ist oftmals bequem. Und vielleicht dient es auch als Art Schutzraum, Gefühle fühlen zu dürfen, für die ich mir anderweitig keine Legitimation zugestehen würde bzw. um Möglichkeit mein unter Umständen unfaires, gewaltsames Verhalten vor mir selbst zu rechtfertigen (Achtung Ironie!: wenn mein Kind ein viel beschrieener Tyrann ist, liegt es eben auf der Hand es mal ordentlich zusammen zu falten)

 

Was macht das mit unseren Kindern?

Mit deinem Kind passiert indes Fatales. Dein Kind hat nicht die Möglichkeit zum Perspektivwechsel und zu sagen: „Ach klar, meine Mama ist gerade in Not. Ihr geht es nicht gut. Das hat eigentlich gar nichts mit mir zu tun.“ Und was sollte es auch weiter sagen? „Natürlich kümmere ich mich jetzt mal gut um sie und tue was sie sagt, dann geht es ihr bald wieder besser.“ Hier finde ich wird an sich schon die Ironie der Situation deutlich. Nein.

Kinder haben einen egozentrischen Blickwinkel und neigen dazu, die Verantwortung entsprechend bei sich zu suchen. Sie fühlen sich falsch, glauben, dass Mama oder Papa so verzweifelt sind, weil mit ihnen etwas nicht in Ordnung ist, halten die Urteile, die über sie gefällt werden, zutiefst für wahr (siehe hierzu auch: Über die Bedeutung von Macht in der Beziehung zu meinen Kindern)  und übernehmen Verantwortung für Mama oder Papa. Und sind damit maßlos überfordert. Dies bleibt nicht ohne Folgen für ihre psychische Gesundheit.

 

Wie komme ich da raus, wenn mir auffällt, dass mir das auch passiert?

Ich glaube aus dieser Strategie heraus zu kommen, sich in die Opferrolle zu begeben, ist ein langanhaltender, mühsamer Prozess, der sich aber lohnt. Für uns selbst, für unsere Kinder und für diese Welt.

Achtsamkeit

Nun – wie oben bereits angedeutet – ich glaube, dass der erste Schritt ist zu erkennen, dass ich diese Strategie grundsätzlich nutze. Wann wende ich sie an, wo versteckt sie sich in meinen oftmals eher unbewussten Handlungen und Denkweisen im Alltag? Ganz ehrlich hin zu sehen, ist meiner Meinung nach ein erster, wesentlicher Schritt diese Strategie zu überwinden.

 

BewusstWerden eigener Gefühle und Bedürfnisse

Der zweite Schritt ist es dann zu überlegen, was ich in diesen Momenten empfinde. Wie geht es mir, was fühle ich? Ich kommt mit mir selbst in Verbindung und damit letztlich in die Selbstverantwortung.

Meine Gefühle weisen dann wiederum auf erfüllte bzw. unerfüllte Bedürfnisse hin (siehe hierzu auch diesen Artikel oder den hier). Einmal das Gefühl benannt und das dahinterliegende unerfüllte Bedürfnis ermittelt, liegt es wiederum vielmehr in meiner Hand für mich sorgen zu können. Ich brauche nicht länger äußere Umstände für meine psychische Verfassung verantwortlich zu machen, sondern kann selbst dahin gelangen, wieder aktiv agieren zu können. Um mir mein Bedürfnis dann erfüllen zu können, gibt es zahlreiche Strategien und Lösungen. Ich lerne mich selbst kennen. Ich beobachte mich. Was tut mir selbst gut. Ich lerne meine Strategien kennen, wie ich mir meine Bedürfnisse erfüllen kann, lerne neue Strategien kennen. Dann brauche ich nicht länger die zu wählen, zu leiden und mich zum Opfer meiner Kinder oder anderer äußerer Faktoren zu machen. Ich kann mich jederzeit entscheiden. Hier und Jetzt.

 

Und schließlich: Verantwortungsübernahme für mein Kind

Damit, dass ich die Verantwortung da hin zurückgeholt habe, wo sie hingehört, und mich selbst wieder dazu befähige für mich selbst zu sorgen, kann ich dann auch wieder die Verantwortung für mein Kind übernehmen. Ich bin in der Verantwortung für mein Kind zu sorgen, für seine psychischen und physischen Bedürfnisse zu sorgen – nie umgekehrt.

Folglich kann ich hinter der Verhalten meines Kindes blicken und überlegen, welches Gefühl da gerade dahinter steckt und welches Bedürfnis bei meinem Kind gerade unerfüllt ist. Ich kann es mit dem versorgen, was es braucht.

 

Der Punkt ist: Wir sind Eltern geworden,
um einen kleinen Menschen zu lieben und zu begleiten,
nicht um anderen irgendetwas zu beweisen.“

– Kinderherzgedanke –

 

Und auch nicht um…

… uns einen Menschen anzuschaffen, der für uns sorgt …

… jemanden zu haben, der für uns Seelenheil verantwortlich ist …

… einen Blitzableiter zu besitzen, der für unser momentanes Befinden zuständig ist…

Ich weiß, dass das unbequem ist. Ich weiß, dass es weh tun kann. Und ich weiß, dass es der Weg ist aus dem Leiden raus zu kommen. (By the way: Das Leben ist so kurz, inzwischen frag ich mich oft, ist es das jetzt wirklich wert? Will ich jetzt gerade leiden? Wenn ich morgen sterben würde, wie würde ich dann meinen letzten Tag zubringen wollen?)

 

„Schmerz ist unvermeidlich, Leiden ist freiwillig.“ (M. Kathleen Casey)

 

Ich wünsche Dir aus ganzem Herzen, dass es dir gelingt dich auf den Weg in die Selbstverantwortung zu machen, dass du für dich den Weg raus aus der Opferrolle findest. Das ermöglicht DIR tatsächlich zu erkennen, dass das Leben FÜR DICH ist und du der Akteur und Gestalter deines Lebens bist.

 

Weiterführende Literatur zum Thema:

„Mein Kind macht mich fertig!“ – Wie du aus der Opferrolle aussteigst, ohne deine Macht zu missbrauchen (Aida S. de Rodriguez)

Systemisches Elterncoaching (Sylvia von Froreich)

Written by Verena

    3 Kommentare

  1. Dresden Mutti 22. Februar 2019 at 08:46 Antworten

    Toller Blogartikel. Wenn meine Kollegen sich über Ihren PC ärgern, sag ich oft neckend: „Das Problem sitzt in der Regel vor dem Rechner.“ Genauso ist es mit Eltern, die sich über ihre Kinder ärgern 😉

    • Verena 22. Februar 2019 at 11:34 Antworten

      Ja und weißt du es ist okay, wenn wir uns dafür liebevoll selbst in den Arm nehmen und schauen, was da bei uns los ist, um dann in die Selbstverantwortung zu kommen ❤️

      Es ist so unglaublich befreiend in Lösungen zu denken und sich nicht in die erlernte Hilflosigkeit zu flüchten und zu leiden.

      Das Ding ist nur, wenn wir das Problem in unseren Kindern sehen, werden wir keine friedvollen Lösungen finden können.

      • Dresden Mutti 22. Februar 2019 at 12:25 Antworten

        Ja, das klingt sehr richtig. Danke für diesen tollen Blogbeitrag.

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