Über das Schimpfen

Irgendwie scheint es sich zu verbreiten: Strafen sind Mist. Im Schulalltag hab ich oft die Aussage gehört: “Naja, strafen ist blöd, aber loben ist doch toll.“ (Darüber, warum ich auch nicht lobe habe ich hier geschrieben)

Aber was ist denn mit dem Schimpfen? Ich begegne öfter Mütter und Väter, die bedauern, dass sie mit ihren Kindern geschimpft haben. Irgendwie scheint es sich nicht richtig anzufühlen. Ich hab auch damals als ich noch erzogen habe, gedacht: Naja, aber wenn ich MAL mit meiner Tochter schimpfe ist das ja auch irgendwo authentisch. DAS denke ich heute nicht mehr!

Warum ich nicht mehr mit meinen Kindern schimpfe

Ich glaube nicht, dass ich mit meinen Kindern schimpfen muss. Genau so wenig wie ich glaube, dass ich überhaupt mit irgendeinem Menschen schimpfen muss. Zum einen: Weil kein Mensch irgendetwas muss (ich finde, dass das nicht oft genug gesagt werden kann) und zum anderen: weil es zu rein gar nichts führt.
Wenn mein Kind ein Glas fallen lässt und das zu Bruch geht, dann weiß es selbst, dass das grad blöd war. Dann weint es, es ärgert sich, es ist frustriert, verzweifelt, traurig. Da brauche ich nicht noch eins oben drauf setzen, in dem ich mit meinem Kind schimpfe.

Ich gehe da von mir selbst aus. Wenn mir ein Fehler passiert, dann wünsche ich mir, dass mich jemand in den Arm nimmt. Ich wünsche mir, dass mich jemand sieht und mir und meinen Gefühlen Raum gibt. DAS was ich am allerwenigsten in dieser Situation brauche ist jemanden, der mir sagt:

 

„Also hör mal, Verena! Das hast du jetzt aber ordentlich in den Sand gesetzt! Das war richtiger Bockmist! Was soll der Mist? Geht’s noch?“

 

Und genau so wenig hilfreich ist es, wenn wir mit unseren Kindern noch schimpfen, wenn sie ohnehin wissen, dass das gerade blöd war. Im Beispiel von oben hilft es meinem Kind, wenn ich es in Arm nehme, es sehe, ihm zeige, dass ich da bin:

 

„Oh meine Süße! Wie ärgerlich! Du wolltest das gar nicht, dass das Glas zu Bruch geht. Und es ist dir ausversehen aus der Hand gefallen! Ich glaube, du bist echt traurig!“

 

So oder so. Die Situation ist die selbe: Das Glas ist kaputt.
Die Frage ist nur: Nehme ich die Folgen vom Schimpfen in Kauf oder versorge ich lieber mich selbst und mein Kind? Und sorge so für unsere Beziehung?

 

Über die Folgen vom Schimpfen

Ich glaube, dass die Folgen vom Schimpfen in vielerlei Hinsicht gravierend sind.

 

Der Selbstwert des Kindes wird geschädigt

Zum einen, muss das Kind zutiefst glauben, was seine Eltern über es denken (siehe hierzu auch den Artikel über Macht in Eltern-Kind-Beziehungen). Schimpfen wir also mit unseren Kindern, weil wir von einer Verhaltensweise unseres Kindes getriggert werden, bezieht dass das Kind immer auf sich. Es fühlt sich für unsere Gefühle verantwortlich, es differenziert nicht zwischen seinem Verhalten und seinem Selbst(wert). Und die Worte der Eltern nimmt das Kind mit ins Erwachsenenalter. Beobachte dich mal. Dein innerer Kritiker ist Resultat der Erziehung deiner Eltern. Es wurde eins zu eins übernommen und wir setzen es selbst gedanklich weiter fort, wenn mit uns als Kind geschimpft worden ist. Auswirkungen auf unser Selbstwertgefühl hat das bis heute!

 

“Die Art wie du mit deinem Kind sprichst, wird eines Tages zu seiner inneren Stimme”
– Peggy O’Mara –

 

Das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kind wird beschädigt

Wie wir über unser Kind denken, liegt in unserer Verantwortung. Es hängt übrigens maßgeblich mit davon ab, wie wir über uns selbst denken. Ich lege jedem dazu „the work“ nahe. Wir MÜSSEN nicht glauben, was wir denken und wir dürfen unsere Gedanken selbstkritisch hinterfragen. Wenn wir unser Kind schimpfen, haben wir ein negatives Bild von ihm vor Augen, da schwirren Gedanken in unseren Köpfen wie: „Das hat mein Kind absichtlich gemacht“, „Mein Kind will mich provozieren“, „Mein Kind ist ein Trotzkopf“, „Mein Kind hört nie!“, „Mein Kind tut nicht was ich sage“ ( 🙂 übrigens: Was für ein Glück!)… die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Der Erwachsene hat kein Vertrauen in das Kind (und im übrigen auch nicht in sich selbst).

Das Kind versteht indes nicht, warum mit ihm geschimpft wird. Das Kind ist einfach Kind. Und damit MENSCH. Es weint, es wütet, ihm passiert auch schon mal ein Missgeschick (es lässt sich im übrigen darüber diskutieren was eigentlich ein Fehler oder ein Missgeschick ist), es will sich ausprobieren, es will lernen, es will Erfahrungen machen. Wie wir großen Menschen auch. Und mit jedem Mal, dass es geschimpft wird, verliert es das Vertrauen in seine Eltern, dass es so geliebt und angenommen wird, wie es ist.

 

Schimpfen fördert Angst

Die Intention hinter Schimpfen ist die, dass das Kind sich mies fühlen soll. Es soll sich schämen und Schuldgefühle entwickeln. Und das wiederum soll zu genügend Angst führen, damit das entsprechende Verhalten nicht wiederholt wird. Diese Angst wirkt sich höchst negativ aus: Auf das Lernverhalten, auf den Enthusiasmus des Kindes, auf ihr Konzentrationsvermögen und ihre Ausdauer. Ich bin der tiefen Überzeugung, dass Lernen ausschließlich in einem angstfreien Raum stattfinden kann.

 

Und warum schimpfen dann trotzdem so viele Eltern mit ihren Kindern?

Ich weiß noch genau, wie ich im Referendariat meine ersten Gehversuche wagte. Und ich dachte, okay, was bin ich eigentlich für eine Lehrerin? Eigentlich will ich eine ganz nette Lehrerin sein, aber manchmal, da werde ich mich eben auch durchsetzen müssen und schimpfen müssen (übrigens hatte ich bis dato schon Skrupel davor, irgendwie behagte mir das nicht, aber was muss, das muss… dachte ich damals, so traurig, so wahr). Ich hatte bis dato keine eigenen Kinder. Und ich hatte es in meiner Kindheit nie anders erfahren. Ich erinnere mich noch zu gut an Situationen in meiner Kindheit, die mit eben dieser Scham behaftet sind, weil ich geschimpft worden bin.

Nur brachte ich bis dahin nicht eins mit dem anderen überein: Das es gegen meine Werte geht, ein Kind zu schimpfen. Und, dass die Intention die dahinter steckt, die Erniedrigung des Kindes ist.

„Schimpfen ist erniedrigend, schmerzhaft und schafft Abstand. Da Kinder vom Wohlwollen ihrer Eltern abhängig sind, verliert ein gescholtenes Kind den Halt und bekommt Angst. Deshalb verdrängt es die Schimpferei. Wenn Erwachsene Strafen, die sie als Kind erlebt haben, positiv darstellen, ist das nichts anderes als die Verdrängung ihres negativen Gefühls.“ (Dr. phil Sonja Deml  2013)

Und das es nicht nur unnötig, sondern menschenunwürdig ist, andere Menschen zu schimpfen.
Ich durfte erst lernen mich selbst anzunehmen, mir Selbstfürsorge und Wertschätzung zu schenken, ehe ich erkennen durfte, dass es nicht nötig ist mit Kindern zu schimpfen und ich auf diese Weise beginnen konnte, mein inneres Kind selbst zu versorgen. Und auf diesem Weg befinde ich mich bis heute.

Und was ist, wenn ich doch wütend werde und beginne mein Kind anzuschreien?

Es gibt (inzwischen immer seltener) Situationen, da gerate ich innerlich in Not. Da wird alter Schmerz durch das Verhalten meiner Kinder getriggert, da bin ich zutiefst wütend, da gelingt es mir nicht mein Gefühl umzulenken, und ich schimpfe (siehe hierzu auch diesen Artikel). Ich glaube dabei nicht, dass das sein MUSS und ich weiß, dass das gerade MEINE Verantwortung ist. Egal wie sich mein Kind verhält, es ist vielleicht der Auslöser für meinen Trigger, für meine Gefühle und die Auslebung meiner Gefühle bin ich ganz allein verantwortlich.

Und dann versorge ich mich selbst.
Es sind Momente, in denen meine Bedürfnisse zutiefst unerfüllt sind, in denen ich nicht mit mir in Verbindung bin. In diesen Momenten erfüllt es mir gar keine Bedürfnisse, wenn ich mich zusätzlich runter mache:

„Mensch! Verena! Jetzt hast du doch wieder geschimpft. Wie kannst du nur? Was soll das? Was bist du nur für ein Mensch!“

Nein! Ich betreibe Selbstfürsorge und überlege, was mir gerade so richtig gut tun würde und sorge für mich:

Ich gehe baden, ich esse ein Stück Schokolade, ich höre Musik, ich telefoniere mit einer Freundin, egal was, hauptsache es tut mir gut.

Auf diese Weise erfülle ich mir zum einen selbst meine Bedürfnisse und komme in die Eigenverantwortung. Zum anderen lege ich in meinem Gehirn andere Vernetzungen an, die – mit ausreichend Training – dazu führen, dass ich immer öfter diese benutze. Und das dauert im übrigen. Unser Gehirn greift in Notsituationen lieber auf altbewährte Verhaltensweisen zurück. Also bin ich geduldig mit mir selbst, schimpfe mich nicht selbst für Fehler, sondern schenke mir genau das, was ich auch meinem Kind geben möchte: Vertrauen, Geduld und Fürsorge.

Mein Kind versorge ich selbstverständlich auch. Ich nehme es in den Arm (wenn es das möchte) und sage ihm:

„Weißt du! Es tut mir sehr leid! Ich habe einen Fehler gemacht und ich bedaure, dass ich dir so weh getan habe.“

Abschließend schenke ich mir selbst die Zeit und schaue wohlwollend, was mich da so wütend werden gelassen hat. Auf diese Weise hole ich die Verantwortung für meine Gefühle zu mir zurück und komme in die Eigenverantwortung.

Eure Verena

Weiterführende Literatur zum Thema

Dr. phil. Sonja Deml: Erziehung: Schimpfen schadet Kindern (wobei ich mich von den erzieherischen Grundgedanken ausdrücklich distanziere)

Lernort: Drei Gründe warum du mit deinen Kindern nicht mehr schimpfen solltest!

Der Kompass: Warum ich nicht mehr mit meinen Kindern schimpfe (und du das auch nicht tun solltest)

Written by Verena

    7 Kommentare

  1. Claudia 10. Februar 2020 at 14:40 Antworten

    Toll geschrieben. Aber was mache ich, wenn mein Kind mutwillig etwas herunter wirft, wenn es seinen Willen nicht durchsetzen kann. Wie schaffe ich es ohne schimpfen, dass es weiß sein Verhalten ist nicht ok?

    • Verena 1. März 2020 at 16:08 Antworten

      Liebe Claudia,

      ich würde immer, immer und immer nicht da ansetzen, wo ich auf das Verhalten meines Kindes einwirke. Das ist Erziehung und Erziehung lehne ich ab.
      Das, was hilft wirklich friedvoll zu werden ist, hinter das Verhalten unserer Kinder zu schauen. Jedes menschliche Verhalten zielt auf Bedürfniserfüllung ab.
      Folglich hilft es sich zu fragen: Worum geht es meinem Kind gerade? Welches Bedürfnis versucht es sich mit diesem Verhalten zu erfüllen? In deinem beschriebenen Fall kann es sich um ganz verschiedene Bedürfnisse handeln: Gesehen zu werden, Regulation von Gefühlen, ausleben von eben diesen und dergleichen mehr. Meine Tochter, jetzt gerade 2, wirft zum Beispiel häufig Gegenstände auf den Boden, wenn sie wütend und verzweifelt ist. Ich gehe bei ihr davon aus, dass es ihr bei der Regulation ihrer Gefühle hilft und ich halte das für kompetent. Natürlich will ich nicht, dass unsere Sachen hier zu Hause kaputt gehen, aber ich bin ja dabei, ich kann ja begleiten. Schauen, was sie wirft, ihr die Gegenstände anbieten, die sie werfen kann, ohne, dass ich Bedenken haben brauche, dass irgendetwas kaputt geht. Meine ältere Tochter kennt diese Art der Begleitung meinerseits und hatte hier schon unglaublich viele Lernfelder für sich, selbst sie lässt ihre kleine Schwester sein, sieht ihre Not in dem Moment und reicht ihr Spielzeugautos an, die eben nicht kaputt gehen. Und dabei bin ich ganz im Hier und Jetzt. Ich habe keine Angst davor, was morgen sein wird, oder in 2, 5, 10 oder 20 Jahren. Meine Tochter erlebt ja, dass hier zu Hause eigentlich keine Gegenstände geworfen werden, in ihrem Fall habe ich auch kein Problem damit, dass geworfen wird, diese Art der Gefühlsregulation ist für mich okay, weil es nicht die Integrität anderer verletzt. Ich vertraue darauf, dass sie ihre Impulskontrolle nach und nach, Stück für Stück weiter entwickeln wird. Und wie gesagt, dass das jetzt gerade ihre Art und Weise ist, wie sie sich selbst in ihren Gefühlen regulieren kann, finde ich unglaublich kompetent. Da hat sie für sich bereits jetzt einen Weg gefunden, wie sie hier Stück für Stück, Schritt für Schritt weniger auf die Fremdregulation ihrer Gefühle von außen angewiesen ist, wie das ja beispielsweise als Säugling der Fall ist, wenn das Baby schreit und wir als Eltern präsent sind, tragen, wiegen, schaukeln, stillen etc. um bei eben dieser Regulation zu unterstützen und unsere Kinder zu begleiten. Wie alt ist denn dein Kind?
      By the way: Nehmen wir den Fall, dass das Kind beißt, haut, kratzt oder spuckt. Ich bin im vollsten Vertrauen darauf, dass jeder Mensch – auch mein Kind tagtäglich sein Allerallerallerbestes gibt, und dass, wenn dieser Mensch haut, beißt, kratzt oder spuckt (übrigens unabhängig vom Alter) in Not ist. Sein Gehirn sieht rot, ist auf Angriff ausgerichtet (die beiden anderen Hirnfunktionen, die wir haben um auf solche Stresssituationen zu reagieren ist Flucht oder Totstellen). Das was das Gehirn eines Menschen in diesem Moment am allerwenigsten braucht, ist, das wir zusätzlich von außen noch einen weiteren Stresslevel hinzufügen, ergo: schimpfen. Dem Gehirn wird als ein zusätzlicher Schmerz hinzugefügt, die gesamte Biologie und Neurologie des Menschens mitgedacht ist das völliger Blödsinn. Der Mensch ist ja in dem Moment bereits in Stress und gerade kleine Kinder, oft auch noch Erwachsene, weil sie es in ihrer Kindheit eben nicht ausreichend erlernt haben, brauchen hier Regulation von außen, und jemanden, der diesen Menschen in seiner Not wirklich sieht, sieht wie er wirklich ist, wie verzweifelt, welche Traurigkeit da womöglich dahinter steckt. Unser Ziel ist es zu erreichen, dass das Kind danach dieses Verhalten anschließend nicht mehr zeigt, weil es beschämt worden ist und ab sofort diesem Schmerz ausweichen will, nicht weil es gelernt hätte, worum es dir eigentlich wirklich geht, wenn dein Kind haut, beißt, kratzt mit Gegenständen wirft (worum geht es dir beispielsweise beim letzteren denn wirklich: Warum möchtest du nicht, dass dein Kind mit Gegenständen wirft, welche Angst steckt da hinter, hier hilft ein ganz liebevoller, ehrlicher Blick auf dich selbst), sondern aus Scham und Schuld. Wenn du nicht mehr schimpfen willst, und das aus Überzeugung, wirst du vermutlich selbst plötzlich merken, dass du in Stresssituationen gerätst, die dich dennoch alte Verhaltensweisen abspulen lassen, und zwar deshalb weil du selbst in Not bist, weil dich die Situationen triggern, sie dich in deine eigene Kindheit zurück versetzen und dein Hirn im Notfallstatus agiert. Genau hier begleite ich Mamas und Papas dabei sich mit ihren eigenen Themen zu verbinden, mit dieser Vorstellung, schimpfen müsste sein, und sonst würde es das Kind nicht verstehen, auch mit dem was da eigentlich dahinter steckt: Wenn ich nicht laut werde, wenn ich nicht vehement meinen Punkt kämpfend klar mache, werde ich nicht verstanden, werde ich nicht ernst genommen, werde ich nicht gesehen. Wie viel eigener Schmerz steckt da dahinter, wie viel Traurigkeit? Und da schau ich hin, eben weil friedvolle Elternschaft, nicht mehr schimpfen und nicht mehr schimpfen wollen, seinen Ausgangspunkt immer immer immer in der Verbindung mit uns selbst, im eigenen “So wie ich bin, bin ich völlig okay” hat, in der liebevollen Selbstannahme, der Selbstempathie, der Bereitschaft sich mit seinem eigenen inneren Kind zu verbinden. Du Liebe, ich hoffe, meine Antwort hat dich ein wenig weiter gebracht. Fühl dich lieb umarmt. Ich wünsche dir alles, alles Liebe.

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